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Oktober 1851
hier stehen die dinge stockstill, der kaiser ist in gallizien. Alles wartet,
hofft aber nicht mehr viel. Bach und schwarzenberg stehen für den Augen-
blick fest, daher Änderungen in der verwaltung kaum zu erwarten, und
dieses wäre für den Augenblick das nöthigste, die finanzen vielleicht aus-
genommen, in denen übrigens, da auch krauss sich behauptet, ebenfalls
nichts zu hoffen ist, das Deficit des 1. Semesters 51 betrug 55 Millionen!!
in ungarn habe ich mich nun selbst überzeugt, wie jämmerlich es mit der
Administration aussieht, und was für subjecte die organe der regierung
sind. um den Absolutismus halbwegs annehmbar zu machen, müßte man
materiell gut regieren, um auf die dauer überhaupt regieren zu können,
müßte man wohlfeil regieren, und um dieses zu können, über wenigstens in
der majorität zufriedene völker regieren, von allem diesen geschieht aber
gerade das gegentheil, wie kann daher auf diesem Wege einer abermaligen
revolution ausgewichen werden? ich sehe es nicht.
in frankreich beginnt, wie es scheint, die crisis schon jetzt, der Präsi-
dent scheint, um seine Wiederwahl zu erreichen, sich auf die demokratie
stützen zu wollen. changarnier und Joinville sind nebst ihm die candida-
ten der gemäßigten, ledrurollin der rothen, daher eine stimmenzersplit-
terung unter Jenen möglich.1
[Wien] 30. oktober
das Wetter ist noch immer wunderschön, doch beginnen seit ein paar ta-
gen nebel und kälte an den herannahenden Winter zu mahnen, ich werde
dieser tage anfangen müssen zu heizen. Bisher hatten wir (nun schon seit
fast 6 Wochen) superbe warme tage, so daß man selbst Abends im leichten
rocke ausgehen konnte. Auf meinen humor und meine stimmung wirkt
nichts so sehr als das Wetter, scheint die sonne, so bin ich heiter und guter
dinge. in Aegypten wäre ich der liebenswürdigste mensch von der Welt.
da wir aber nicht in Aegypten sind, und nebstdem der hereinbrechende
Winter an den Anfang eines neuen Zeitabschnittes (für mich immer eine
unangenehme mahnung) erinnert, so fange ich denn jetzt auch wieder an,
mich mit meiner lage, meinen Projecten und Aussichten zu beschäftigen,
deren ungewißheit immer unangenehmer wird. Bisher habe ich ziemlich
sorglos von einem tage zum anderen gelebt, meine einzige unterhaltung
bestand zwar in meiner kleinen cathi güttersberger, welche ein sehr herzi-
mit Prinz ferdinand Bentheim-steinfurt, war am 12.10.1851 in Prag gestorben, ihre mut-
ter (Andrians tante mütterlicherseits) cajetana starb am 1. februar 1852.
1 louis napoleon Bonapartes Amtszeit als Präsident endete im dezember 1851, eine Wie-
derwahl war unter der geltenden verfassung nicht möglich. in einem staatsstreich in der
nacht vom 1. auf den 2.12.1851 übernahm er deshalb die macht und ließ sich am 20. de-
zember auf 7 1/2 Jahre wiederwählen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien