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Tagebücher504
ges heiteres liebes mädchen ist, im übrigen langweilte ich mich gemüthlich
im theater und casino. die gesellschaft, in der ich einmahl hier zu leben
verdammt bin, ist so langweilig und geistlos wie immer, nur vielleicht et-
was weniger gereizt, und es gibt hier keine bessere. die Proportionen sind
zu klein, Wien ist und wird immer mehr eine kleine stadt, jetzt aber ist für
mich der moment gekommen, wo ich für den Winter, wo nicht für länger
hinaus, meine Projecte machen und Anstalten treffen sollte, aber welche?
im vordergrunde steht bey mir immer der Wunsch nach Beschäftigung.
ob die neue verfassung (über die man gar nichts hört und erfährt) mir
durch reichsrath oder Provinzialstände eine solche biethen wird? weiß ich
nicht und möchte es eben abwarten. doch weiß gott, wie lange das noch
dauern kann, bis diese Panacee das licht der Welt erblickt. ebenso ist,
wenn ein ministerwechsel (den ich trotz Bach’s momentanem triumphe
auf die länge denn doch für unvermeidlich halte) eintreten sollte, nament-
lich aber wenn dann hartig ins ministerium träte, eine günstige chance
für mich vorhanden. Jedoch steht schwarzenberg fest, sehr fest, und wird
Bach nicht fallen lassen. seitdem dieses letztere so positiv geworden, müs-
sen sich alle intriguen (denn andere Waffen gibt es zur Zeit nicht) gegen
den Premier richten, und ich bin überzeugt, daß die ungarn, welche in die-
sem fache meister sind und es bewiesen haben, bereits in dieser richtung
arbeiten. um auf mich zurückzukommen, bleibt mir wohl nichts Anderes
übrig, als noch eine Weile hier zu bleiben und abzuwarten, ob sich in der
Zwischenzeit dieser knoten einigermaßen löst? Jedoch ist das hierbleiben
unangenehm genug, aus vielerley gründen.
die beginnende oder vielmehr schon begonnene crisis in frankreich
hängt am himmel und praeoccupirt Alle, ich glaube nicht, daß im früh-
jahre 1852 etwas losgehen werde, wenigstens nichts von Bedeutung, und
halte daher den gegenwärtigen Zustand der Angst und erwartung für das
schlimmste, was wir zu überstehen haben werden, denn er lähmt, paraly-
sirt und suspendirt Alles.
die Zeitungen sind voll von den empfangsfeyerlichkeiten in england
für kossuth. die engländer machen sich gründlich lächerlich mit ihrem
stupiden spießbürgerlichen enthusiasmus. freylich ist kaum ein einziger
Gentleman unter diesen Kossuthnarren. Hier läßt Alles dieses begreifli-
cherweise namentlich in den obersten regionen einen tiefen stachel zurück
und erschwert die rückkehr zu einer vernünftigen Politik, welche eine Alli-
anz mit england erfordert. übrigens hat man kossuth von hier aus künst-
lich zu einem götzen gemacht, diese ganze internirungsgeschichte war, als
wäre sie eigens darauf berechnet gewesen.
in gallizien wetteifern alle stände in loyalen demonstrationen für den
kaiser, beym Bauern mag es aufrichtig seyn, bey dem Adel ist es kluge Be-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien