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Oktober 1851
rechnung, dort tauchen die landstände wieder auf und strecken die fühl-
hörner aus. Zugleich reist erzherzog Albrecht in ungarn und wird überall
in altungarischer Weise, sprache, costume, Banderica, deputationen etc.
empfangen. trotz aller Bach- und geringeriaden gehen die Wellen der un-
garischen restauration hoch, vielleicht höher als gut ist, dank sey es den
tölpeleyen jener stümper. diese aber werden von den Wellen weggewa-
schen werden.
Zedlitz, der wieder hieher citirt wurde, um für seine Pension wie früher
Journalartikel zu schreiben, und den ich manchmal beym essen im erz-
herzog carl sehe, ist ein unicum specimen, nämlich ein enthusiast für das
ministerium schwarzenberg, und zwar voll leidenschaft, kurzathmig und
pustend, der mann gehört ins grab.
ich war neulich in Baden, gabrielle zu besuchen, die beyden schwestern
mocenigo und Pallavicini etabliren sich jetzt für den Winter dort. ich er-
warte hier jeden tag Alicia horrocks-Wilkinson, welche als Wittwe aus in-
dien kömmt, um sich bey Augusta in Belgien niederzulassen, und die ich
hier werde bevormunden müssen.
es entspinnt sich jetzt eine Polemik, an der ich großes interesse nehme,
der statthalter in linz, e. Bach, der éclaireur und vorläufer seines großen
Bruders, hat nämlich allen gemeinden aufgetragen, sich besoldete Beamte
à 400 fl. gefallen zu lassen, welche er ernennen, absetzen und dirigiren will,
und die alle gemeindegeschäfte besorgen sollen!! – – damit wäre natürlich
die freye gemeinde beym teufel. dagegen tritt nun Warrens im lloyd in
seiner kräftigen Weise auf, während Zang, dieser elende cujon, seit seinem
Wiedererscheinen Alles, was von Bach ausgeht, mit unverschämter frech-
heit vertheidigt,1 für unsern Adel, den die sache zunächst angeht, ist es
schande genug, daß ein amerikanischer Journalist ihre sache aufnehmen
muß,2 es ist die politisch unfähigste körperschaft, die ich kenne, während
er doch an dem ungarischen, und jetzt sogar an dem polnischen, Beyspiel
und Emulation genug finden sollte.
viel Aufsehen und scandal macht eben jetzt die Annullirung der (über
30jährigen) ehe nandine karolys und zwar wegen eines angeblich von ih-
ren Ältern gegen sie ausgeübten Zwanges! die sache wurde schon seit Jah-
ren in ungarn, also vor dem geistlichen gerichte verhandelt, und nun ist
1 seit 25.9.1851 erschien die von August Zang herausgegebene „Presse“ wieder in Wien.
nach ihrem verbot ende dezember 1849 hatte er sie nach Brünn verlegt, wo sie noch bis
4.12.1850 erschien und dann eingestellt wurde.
2 eduard Warrens, geboren 1820 in hamburg, war jung in die usA ausgewandert. etwa
1845 kam er als us-amerikanischer konsul nach triest und begann dort für den öster-
reichischen lloyd zu arbeiten. er übersiedelte mit dessen „Journal des österreichischen
lloyd“ (seit 1849 „der lloyd“), der seit 26.9.1848 in Wien erschien, in die hauptstadt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien