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Dezember 1851
darüber, daß dieses bald, jedenfalls vor ende dieses Jahres geschehen muß,
nur weiß ich noch durchaus nicht wohin? Zu weit möchte ich mich nicht
gerne entfernen, um im falle dann doch eine veränderung eintreten und
auf mich persönlich von Einfluß seyn sollte, bey der Hand zu seyn. Ande-
rerseits ist venedig der einzige erträgliche ort in der nähe, und ich habe
keine große lust, schon wieder dahin zu gehen, wo ich kaum erst gewesen,
Am liebsten ginge ich nach neapel und noch lieber, wenn ich eine geraume
Zeit vor mir hätte, in den orient oder nach spanien. einstweilen bin ich
aber noch nicht einmahl nach Baden gekommen, wo resi Pallavicini und
clementine mocenigo schon seit 14 tagen sind und mich erwarten.
diesen Abend gehe ich der gittersberg zu liebe in die katharinenre-
doute, obwohl es mir ein unangenehmes gefühl verursachen wird, diesen
saal, in welchem ich so angenehme stunden verlebt habe, post tot discri-
mina rerum wiederzusehen.
der kurfürst von hessen ist hier auf Besuch, scheint aber trotz seiner
„gut österreichischen und gutgesinnten“ eigenschaften dennoch keine per-
sona grata am hiesigen hofe zu seyn und thut und sagt nichts als dumm-
heiten, so z.B. frug er hess, ob er den feldzug in italien mitgemacht habe?
etc.1
[Wien] 1. dezember
nachdem wir noch zuletzt einen ungeheuern schneefall gehabt hatten, ist
nun seit einigen tagen starkes thauwetter eingetreten und der schnee
wieder beynahe ganz verschwunden.
ich war vor ein paar tagen in Baden, um clementine mocenigo und resi
Pallavicini zu besuchen, die sich für den Winter dort (!) etablirt haben. es
machte ein große freude, diese meine alten und guten freunde wiederzu-
sehen, ich fand sie zwar im Äußeren etwas verändert, sonst aber ganz die
Alten. Auf der rückfahrt traf ich carl Wenkheim und seine frau, die eben
von verona kamen, wo sie den fm radetzky besucht hatten.2
nach und nach rücken die leute hier ein, ohne daß dieses für mich, da ich
der hiesigen sogenannten großen Welt wenn nicht auf immer, doch vor der
hand Adieu gesagt habe, eine veränderung in meiner lebensweise mit sich
brächte. ich gehe nach wie vor alle Abende ins casino, obwohl ich alle tage
nach einer besseren Unterhaltung suche, ohne diese zu finden. Manchmal
gehe ich des Abends zu gabrielle, wo ich gewöhnlich erzherzog Wilhelm an-
treffe, einen Abend war ich bey ida Bombelles und gestern bey Bébé strozzi
1 general frh. heinrich von hess war während der kriege 1848 und 1849 generalstabschef
des kommandierenden der italienischen Armee, feldmarschall radetzky.
2 Gräfin Friederike Wenckheim war eine Tochter von Feldmarschall Radetzky.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien