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Tagebücher510
mit felix Jablonowsky, gabrielle und den odonnell’s, den größten theil
meiner Abende jedoch bringe ich im theater, meistens in der casino loge
des kärnthnerthortheaters zu und sehe meine cathi [güttersberger] tan-
zen, ein vergnügen für götter, und in den Zwischenakten unsren dummen
Premier mit irgend einer Jüdinn auf studentenart kokettiren. die kathari-
nenredoute machte mich traurig, sie war leer und langweilig, und ich kam
mir ganz fremd und uralt geworden vor, quantum mutatus ab illo.
die polizeylichen vexationen und Ausweisungen auf der Börse nehmen
immer zu und sind das tagesereigniß, es geschehen unglaubliche dinge,
den angesehensten leuten, industriellen etc. wird mit dem kriegsgerichte
gedroht, wenn sie (selbst zur Befriedigung ihrer Verpflichtungen) Gold oder
fremde Wechsel kaufen. im Auslande macht dieses eine ungeheuere und
sehr erklärliche sensation und bringt gerade die entgegengesetzte Wirkung
hervor. man glaubt dort den Bankerott vor der thüre und will mit Wien
keine geschäfte mehr machen. die englischen Zeitungen sind merkwürdig
zu lesen, übrigens sind wir der kossuthiaden wegen mit england gerade
jetzt gespannter als je, und lord Westmoreland, der nun bald 2 monathe
hier ist, hat seine creditive noch nicht übergeben können. Alles in Allem
scheint die regierung aux abois zu seyn. Bruck ist so eben citirt worden,
hat sich aber geweigert zu kommen.
[Wien] 3. dezember 1
gestern früh hat louis napoleon die nationalversammlung gesprengt,
changarnier und lamoricière verhaften lassen, so lautete die telegraphi-
sche depesche, die gestern um 1/2 2 ankam, und die ich Abends erfuhr.
seitdem sagen spätere depeschen, daß er gestern nachmittag ausritt, mit
Jubel empfangen wurde, Paris ruhig und einverstanden sey, das allgemeine
Wahlrecht proclamirt, die Präsidentenwahl auf den 14. ausgeschrieben,
endlich fould, rouher und morny minister.
détails fehlen noch, bisher scheint also der staatsstreich gelungen,
ob das nun ein fait accompli ist, werden diese nächsten tage zeigen, ich
zweifle noch, daß die Armée Louis Napoleon ergeben sey, daß die Natio-
nalversammlung so ohne Widerstand weichen werde. ich suspendire daher
vor der hand jedes urtheil, es kann daraus die revolution oder auch die
consolidirung des friedens in europa entstehen, oder auch eine energische
regierung in frankreich, welche uns am allerungelegensten seyn dürfte.
mittlerweilen jubeln die Absolutisten, und die conservativen, jene jeden-
falls mit unrecht, und vielleicht auch diese.a Auf der Börse machte das
heute wenig eindruck, weit weniger als unter den diplomaten, jedoch steht
a folgender halbsatz gestrichen: denn der streich scheint eher gegen die con-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien