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Dezember 1851
jetzt das silber wieder auf 28, also gerade so hoch wie vor 3 Wochen, als die
Ausweisungen etc. anfingen.
die verfassungscommission kommt nicht vom flecke. Alles stagnirt.
gott weiß, was aus der ganzen Pastete werden soll.
[Wien] 6. dezember früh
über den Ausgang der Parisercatastrophe ist man noch immer nicht klarer
als vor 3 tagen, einzelne Aufstandsversuche in Paris sind vorgekommen,
aber unterdrückt worden. l. napoleon läßt Alles, was notabilität ist, arre-
tiren: cavaignac, Broglie, thiers, Berryer etc. das ganze scheint mir ein
handstreich eines verzweifelten Aventuriers, welcher, wenn er auch mo-
mentan gelingen sollte, doch keine dauerhafte regierung begründen kann.
über die nationalversammlung hört man nichts als gestern ein gerücht,
daß sie sich in Poitiers permanent erklären wolle. ebensowenig über die
haltung der Provinzen.
[Wien] 12. dezember
für den Augenblick ist louis napoleon vollständig sieger geblieben. der
kampf in Paris war zwar von größerer Bedeutung, als es Anfangs schien,
doch bey weitem kein allgemeiner, ja die Arbeiter scheinen sich sogar fast
durchgängig still verhalten zu haben, von dem Augenblicke an, als der Prä-
sident die geheime Ballotage proclamirte. freylich hat er sich dadurch alles
Einflusses auf die Wahlen begeben und dadurch, sowie durch die Verschie-
bung derselben bis zum 20., den Ausgang derselben (meines erachtens)
ziemlich unsicher gemacht. ich glaube noch immer, daß er mit diesen bey-
den schritten einen großen fehler begangen hat.
übrigens hält die Armée, mir bisher unerklärlicherweise, fest an l.
napoleon, die nationalversammlung, der staatsrath und der oberste ge-
richtshof haben protestirt und die entsetzung des Präsidenten in legaler
Weise ausgesprochen, doch sind sie sämmtlich gesprengt und keines Wi-
derstandes fähig, daher diese schritte für den Augenblick ohne resultat.
in den départemens brennen fortwährend einzelne Aufstandsversuche auf,
jetzt heißt es, daß Joinville in lille angekommen sey, und viele legen dem
Bedeutung bey. Andererseits heißt es, daß die legitimisten sich l. napo-
leon nähern. thiers ist über die grenze gebracht, die Anderen sitzen in
ham, in vincennes etc.
kurz die sache ist noch nicht aus, bleibt napoléon meister bis zum 20.,
was ich glaube, und erhält er sodann in den Wahlen die majorität, was ich
beynahe auch glaube, so ist damit erst noch nichts gewonnen, denn wie will
er à la longue regieren, wenn er Alles, was in frankreich einige Bedeutung
hat, zu erbitterten feinden hat, hat ja doch sogar léon faucher seine Be-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien