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51316.
Dezember 1851
den, erzherzog Albrecht sitzt seit 6 Wochen hier, dort und anderwärts sind
wieder viele politische verhaftungen vorgenommen worden, der Zolltariff,
welcher am 1. februar ins leben treten wird, erregt große Befürchtungen
und lamentationen, in der Zollfrage wie in allen andern geht Preußen im-
mer mehr von uns ab, und es wird anstatt des im vorigen Jahr verhüteten
offenen, ein stiller, weit gefährlicherer krieg geführt, der Bundestag ist
noch unthätiger und discreditirter als vor 1848.
das Wetter ist ziemlich warm (5°–10° r), nach wiederholtem schneefall
trat vor 8 tagen ein strömender regen ein, welcher mehrere tage anhielt,
allen schnee wegwusch, freylich aber auch abermalige hochwässer und
überschwemmungen veranlaßte, seitdem ist es nun trocken und ziemlich
angenehm.
mathilde Berchtold ist hier, noch sehr ergriffen durch den selbstmord
ihrer schwester charlotte Zichy.
[Wien] 16. dezember
die einzelnen Aufstände in frankreich, namentlich im süden, sind doch
von größerer Bedeutung, als es im ersten Augenblicke schien, wenn sie
nicht, wie es allen Anschein hat, von den regierungsblättern (den einzi-
gen, die jetzt erscheinen dürfen) absichtlich übertrieben werden, denn ohne
allen Zweifel nützen diese socialistischen Bewegungen und Plünderungen
der sache des Präsidenten mehr als Alles Andere, und seine Wiederwahl
scheint nun gesichert, die chefs der rothen und das londonercomité sind
bey diesen Bauernaufständen nicht erschienen, überhaupt dürfte die Angst
vor dem spectre rouge, dieser besten Bundesgenossinn des despotismus,
durch die letzten ereignisse eher ab- als zugenommen haben.
die rente in Paris steigt beyspiellos, ob es natürlich oder gemacht ist,
nescio, doch ist die Rückwirkung auf die hiesige Börse evident, gestern fiel
das silber bis 24.
thiers ist in london angekommen, ob er und ob überhaupt die natio-
nalversammlung, der staatsrath und alle die gestürzten gewalten so gar
keinen gegenversuch machen werden? – – die Art der Abstimmung, wel-
che louis napoleon jetzt den franzosen aufdringt, ist eine violence morale
eigenthümlicher Art: durch ein nein wird Alles Bestehende (i.e. der Prä-
sident, denn außer ihm besteht dato nichts) umgeworfen, ohne daß irgend
eine Person oder gewalt da wäre, um ihn zu ersetzen, durch das Ja wird
nicht nur louis napoléon wiedergewählt, sondern zugleich die ganze von
ihm proponirte verfassung gutgeheißen. übrigens scheint er ebenfalls zu
den leuten zu gehören, welche mit einer geschriebenen verfassung Alles
abgethan glauben, solange die Ambitionen und sonstigen leidenschaften,
die illustrationen etc. bestehen, wird die neue verfassung keine dauer
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien