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Jänner 1852
abgenommen und selbst der natürliche wieder unter controlle gestellt, die
schwurgerichte, die öffentlichkeit, die unabsetzbarkeit der richter aufge-
hoben etc., und statt aller repraesentation und garantie dieser büreaukra-
tischen Allmacht gegenüber berathende Ausschüsse aus dem grundbesitze
und der industrie bey den kreisämtern und statthaltereyen, worüber die
statuten „nachfolgen“ werden! den großen grundbesitzern ist als Brocken
die exemtion vom gemeindeverbande, den ungarn die Wiederherstellung
des königlichen titels, dann eines schattens der comitate, endlich die hoff-
nung auf Abschaffung der Woiwodina hingeworfen, übrigens das ganze so
auf schrauben und klauseln gestellt, daß von der Ausführung (wenn es zu
einer solchen kömmt) Alles abhängen wird.
das ist kühner, als ich erwartet habe, jedoch auch dummer. die leute
glauben, mit Beamten Alles richten zu können, und verstehen es dabey nicht
einmahl, materiell gut zu regieren und für die fleischtöpfe zu sorgen. da-
bey ist viel leidenschaft und theoretisches Zopfthum, z.B. die Abschaffung
der schwurgerichte, welche viel böses Blut machen wird, und die sich doch
bisher überall gut bewährt haben. gegen diese aber geht gerade der größte
Zorn der Zöpfe.
daß dieser staatsstreich bey den mittleren und niederen klassen, wel-
che am meisten an der Politik hängen (schande genug für uns), einen sehr
schlechten eindruck hervorbringen werde, war vorauszusehen, was mich
aber einigermaßen überraschte war, daß, wenigstens soviel ich bis jetzt se-
hen konnte, bey den höheren ständen und unter den ungarn der eindruck
ziemlich derselbe ist. es scheint jenen endlich doch Angst zu werden vor
schrankenloser Willkür, und daß Bach (welcher in den betreffenden con-
ferenzen der leidenschaftlichste von Allen, sowie felix schwarzenberg der
dummste, war, und dem jene Anordnungen noch zu liberal waren, so daß er
von kübeck, salm und salvotti derbe Zurechtweisungen erhielt), dieser nun
von aller Welt verachtete hundsfott, am ruder bleibt, erbittert Alle, den-
noch glaube ich, daß auch seine tage gezählt sind.
Was mich betrifft, so bleibt mir vor der hand – Brüssel, wohin ich näch-
stens abgehe, das vernünftigste wäre zu heirathen, und daran denke ich in
allem ernste.
hier beginnt eine unbegreifliche vergnügungssucht zu rasen: felix
schwarzenberg wird auf Befehl des kaisers 4 Bälle geben, um eine amal-
game der Aristokratie mit einem halben dutzend Jüdinnen zu versuchen,
den ersten schon am 4. erzherzogin sophie gibt ebenfalls Bälle ohne Zahl,
etc. seit 8 tagen haben wir sehr schönes Wetter, diese letzten 3 tage sogar
warm und angenehm.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien