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Tagebücher522
finde clementine größer und hübscher geworden, die cur macht erwünschte
fortschritte, wird aber noch 8 monate dauern. morgen will ich einige unver-
meidliche Besuche machen, mich jedoch im ganzen sehr ruhig verhalten.
die kammern sind versammelt, daher eine menge frankfurter Bekannte
hier: vincke, simson, Beseler, schwerin etc., die sämmtlich gerade zu der
am meisten anti-österreichischen Parthey gehören, obwohl in diesem Au-
genblicke eigentlich hier Jedermann dazu gehört, daher ich mich soviel als
möglich zurückziehen muß, um nicht in Wien zu böswilligen Auslegungen
veranlassung zu geben, ohnehin wäre dieses einer menge von leuten in der
cara patria, Bach obenan, ein gefundener handel. mittwoch den 21. bin ich
Willens abzureisen.
[Berlin] 20. Jänner Abends
heute hatte ich seit meiner Abreise von Wien den ersten schönen tag, bisher
dagegen beständiger regen und sciroccowetter.
vorgestern den 18. war großes ordensfest bey hofe, daher fand ich weder
Prokesch noch sonst Jemand auf unserer gesandtschaft. heute machte ich
ihm endlich meinen Besuch und ließ mir sehr lange von ihm vordeclamiren,
es ist übrigens ein sehr geistvoller mann, ziemlich aigrirt gegen Preußen,
was wohl sehr begreiflich ist, und ebenso gegen rußland, welches sich zu
Preußen in ein immer näheres verhältniß zu stellen scheint, näher sogar als
zu uns, namentlich gibt er Budberg daran schuld. er sprach mir sehr viel
über den einfluß der hiesigen Bureaukratie auch in eigentlich politischen
fragen, so z.B. habe sie die Beschickung des Wiener Zollcongresses (dieses
todtgeborenen kindes) hintertrieben, während manteuffel ihn beschicken
wollte.
von sonstigen politischen notabilitäten, denen ich, wie gesagt, auswich,
habe ich bloß saucken gesehen, d.i. zufällig begegnet, er sitzt jetzt hier auf
der äußersten linken!! und klagte sehr über das corruptionssystem des mi-
nisteriums, gestand übrigens, daß die opposition jetzt wenig Anklang im
volke habe in folge des ministeriellen einschüchterungssystems, er ist der
alte ehrliche hans dampf von 1848 geblieben.
Wie unberechtigt oder doch wie unbedeutend kommen einem alle diese
klagen vor, wenn man aus oesterreich kömmt! von da her höre ich nichts
als fortwährende reactionaire maßregeln der leidenschaft, ohne alle noth
oder ursache, ein niederreißen aus bloßem ingrimm, ein ewig zunehmendes
niederhalten, Zwang, gewalt und rache.
der Antagonismus zwischen Preußen (dem „verlangenden staate“, wie ihn
Prokesch nennt) und oesterreich tritt immer stärker hervor, und unsere in-
nere Politik arbeitet den leuten hier in die hände, denn es ist sehr leicht,
uns in concessionen an die öffentliche meinung zu überbiethen. hier ist ver-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien