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Tagebücher524
nen. ich wusch mich, frühstückte, ging spatzieren und vertrieb mir die Zeit
bis 12 uhr. um diese Zeit fuhr ich mit dem schnellzuge ab, war nach 10 uhr
in cöln, wo ich nur von einem Bahnhofe zum andern fuhr, um 1/2 12 ging es
wieder weiter, und heute früh 1/2 8 war ich hier und wohne sehr angenehm
im hôtel Bellevue mit der schönsten Aussicht auf die rue royale und den
Park.
Auf der ganzen strecke von Wien hieher habe ich keine spur von schnee,
dagegen schon sehr viel keimende saaten und gräser gesehen, das wird
heuer wahrscheinlich ein mißjahr geben.
hier bin ich heute herum flanirt und Abends im vaudeville gesessen, um
meine alten mailänderbekannten, mr. et mad. taigny, zu sehen, das übrige
ziemlich mittelmäßig. An der table d’hôte traf ich Jennison und als mein vis-
à-vis emile girardin, welcher als neuester Proscrit aus Paris hier ist.
sonst habe ich noch niemand Bekannten gesehen.
hier komme ich mitten in die wichtigsten ereignisse. gestern Abends
wurde bekannt, daß der gemäßigtere theil des französischen ministeriums:
morny, fould etc. ausgetreten und durch Persigny & c. ersetzt worden
sey. heute früh brachten die Zeitungen als ersten Akt des neuen cabinets
die confiscation der orléans’schen güter, und mittags kam eine sehr ca-
tegorische depesche Persigny’s, worin strenge maßregeln gegen die hie-
sige Presse, ja ein neues Preßgesetz verlangt wird. in folge dessen sollen
sämmtliche minister ihre demission gegeben haben. es sollen schon Wet-
ten gemacht worden seyn, daß in 2 monathen Belgien eine französische
Provinz seyn werde, und girardin, auf den die franzosen hier sehr viel
halten, sagte an der table d’hôte, daß sich darüber keine hand in europa
rühren werde (?). Persigny sprach schon seit lange ganz offen davon, und
thiers soll während seines letzten Aufenthalts hier laut erzählt haben, daß
schwarzenberg seit monathen in Paris dahin arbeite um den Preis, öster-
reichischerseits nach turin marschiren zu dürfen. es soll ein kreuzzug ge-
gen die constitutionellen staaten und die schweiz werden. voilà ou nous en
sommes, an einen krieg glaube ich seit dem 2. december, und jetzt steht er
näher als je. england rüstet seit granvilles eintritt, und Preußen, welches
seit unserm staatsstreich ein interesse hat, den schein des constitutiona-
lismus zu bewahren, ist enger als je mit england verbündet. granville aber
scheint in Beziehung auf uns und auf die flüchtlingsfrage ganz wie Palmer-
ston auftreten zu wollen.
Apropos von schwarzenberg erzählte mir Budberg, der krankheitsanfall,
den derselbe hatte, und der doch eine Art von schlag war, sey durch seinen
Ärger darüber entstanden, daß die commission, welche er in hungaricis aus
Appony, geringer etc. bilden wollte, zu Wasser geworden sey.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien