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Tagebücher528
eine viertelstunde dauerte. übrigens sind es sehr angenehme leute, welche
mir, wie mir scheint, sehr gut conveniren würden.
im ganzen ist übrigens meine hiesige existenz von einer langweile qui
passe toute permission und mir schon zu arg wird. heute über 8 tage denke
ich, nach Paris zu fahren und mich dort circa eine Woche lang schadlos zu
halten. nachher, d.h. in den letzten tagen dieses monats, werde ich Augusta
[horrocks] in der nähe von namur besuchen, der ich geschrieben und von
ihr heute Antwort erhalten habe. darauf geht es langsam, d.h. mit etappen
in Berlin, vielleicht in Prag und lösch, heimwärts.
mittwoch den 11. ist hofball, und da werde ich wahrscheinlich dem könige
vorgestellt werden, wenigstens meint Zaremba so, der schon vor mehr als 8
tagen wegen meiner Praesentation geschrieben und noch keine Antwort hat,
was er der confusionsmacherey des hofmarschalls marnix zuschreibt. ich
hatte diese vorstellung begehrt, weil ich dachte, daß ich viel in gesellschaft
gehen würde, in welchem falle es nothwendig gewesen wäre, so aber hätte
ich mir die mühe und das mitschleppen der uniform ersparen können.
Auch mit dem Briefe, den mir nothomb an vanPraet mitgab, hat es seine
eigenen Wege gehabt. Zwey tage nach meiner Ankunft schickte ich ihm den-
selben sammt ein paar Zeilen, in denen ich ihn bath, mich wissen zu lassen,
wann ich ihn besuchen könnte? drey tage später fand ich seine karte, je-
doch keine Antwort. ich ließ nun 8 tage vergehen und ging gestern mittags
zu ihm. er empfing mich sehr höflich, entschuldigte sich, fragte, ob er mir
in irgend etwas dienen könne? etc. voilà tout, dabey blieb es, von einem nä-
heren eingehen und Besprechungen, wie sie mir nothomb (ganz ohne mein
Zuthun, denn ich habe ja keinen Zweck dabey) in Aussicht stellte, keine
rede. ich finde das Alles sehr natürlich, es erinnert mich eben doch daran,
daß ich nicht mehr hinter den coulissen stehe.
in Wien arbeitet gabrielle mittlerweilen daran mich zu verheurathen, un-
ter gewissen Bedingungen hätte ich nichts dagegen, es wäre vielleicht so-
gar das vernünftigste, was ich unter den gegenwärtigen verhältnissen thun
könnte. An eine Änderung der politischen situation im ganzen scheint vor-
erst nicht zu denken, auch bey uns nicht, bis nicht die Pastete in frankreich
zusammenbricht, und das kann bald geschehen, kann aber auch noch 1–2
Jahre dauern. neulich sah ich bey Zaremba den superior der hiesigen re-
demptoristen, Bruder unseres Pilat.1 Auch der clerus wendet sich von l. na-
poleon ab, lange kann sich der lump keinesfalles halten. Wir schließen uns
übrigens mit einer wahren Wuth an ihn, par nobile fratrum. ich glaube, es
wird da etwas ausgekocht, weder f. schwarzenberg noch Persigny sind die
1 Josef Anton v. Pilat war bis zur revolution 1848 regierungsrat in der staatskanzlei und
Redakteur von deren offiziöser Zeitung „Österreichischer Beobachter“.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien