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Tagebücher532
mit uns ist man natürlich à la fleur d’orange und sucht uns mit Preußen
zu entzweyen, pour faire brêche dans l’Alliance du nord, von krieg und der
rheingrenze hört man sprechen, und die Armée (welche das heft in händen
hat) wird ihn am ende zum kriege fortreißen, et cela sera sa perte, mittler-
weile wird er sich nächstens zum kaiser machen.
[Paris] 20. februar morgens
ich habe in diesen tagen viele Bekannte besucht, schweitzer (badischen ge-
sandten), Wendland, die alte gräfinn lèon razoumowsky, san teodoro etc.,
man hört von Allen ungefähr dieselben reden: ungewißheit über die entwik-
kelung der dinge und besonders über das, was man von l. napoleon zu er-
warten hat, ein abenteuerlicher mensch, dessen ideen und handlungen von
heute auf morgen nicht zu berechnen sind, gepaart mit einem eigensinne,
gegen den nicht anzukämpfen ist, nur oesterreich und unser kleiner Affe
Bayern sehen rosenfarb, wenigstens à en juger par leurs représentans ici,
obwol auch bey hübner immerzu Angst vom krieg durchscheint.
Am 17. nachmittags erhielt ich eine einladung zu einem Ball beym Prä-
sidenten, für denselben Abend. leider verspätete ich mich und kam erst
um 1/2 12 uhr hin, suchte hübner auf, der mich louis napoleon vorstellen
sollte, worüber eine halbe stunde verging, während welcher hübner weg-
ging, nun ließ ich mich durch ottenfels Bacciochi vorstellen, damit dieser,
sein maréchal de cour, es thue, doch hatte sich mittlerweilen der Präsident
auch schon zurückgezogen. das that mir leid, weil ich gerne mit diesem ge-
sprochen hätte, übrigens sah ich mir ihn genau an, und der eindruck, den
er auf mich machte, war der eines ziemlich ordinairen kurzbeinigen italie-
nischen Aventuriers. ich konnte mich daher nun weder der Prinzessin ma-
thilde noch der lady douglas, meiner alten Bekannten aus england, nä-
hern.1 dennoch blieb ich ziemlich lange, es war ein sehr hübscher Ball von
etwa 900 Personen, viele elegante toiletten und hübsche Weiber, doch fast
ausschließlich fremde, russinnen und engländerinnen, ich traf da u.a. von
Bekannten gozze, rudolph Apponyi, und vimercati aus mailand.
vorgestern Abends war ich pour varier les plaisirs auf einem bal de fem-
mes entretenues in der rue richelieu, zu welchem mir meine niedliche
kleine mad. cartreau (die ich neulich besuchte und im Bette, kränkelnd, tu-
gendhaft, jedoch immer allerliebst und heiter fand, eine Art dame aux camé-
lias) eine karte gegeben hatte. gestern frühstückte ich bey schloisnigg, der
1 Prinzessin mathilde Bonaparte war eine cousine des Präsidenten louis napoleon. die
mutter von marie douglas herzogin von hamilton, stephanie großherzogin von Baden,
geb. Beauharnais und seit 1806 Prinzessin v. frankreich, war eine cousine 2. grades der
mutter des Präsidenten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien