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Februar 1852
ein ganz gescheidtes österreichisches naturkind ist. später traf ich in den
champs elysées meinen alten freund münchhausen, der noch immer der
Alte ist, nur keinen Zahn mehr im munde, daher beynahe unverständlich,
des Abends war ich in der italienischen oper, wo man nabucodonosor von
verdi maltraitirte, und ging darauf müde und matt von den früheren tagen
zu Bette, um mich auszuruhen. Auch meinen husten kann ich noch immer
nicht ganz los werden.
madame divan, eine (noch immer ziemlich hübsche) Bekannte aus frank-
furt und homburg 1848, die ich neulich im Jardin d’hiver traf und dann ein-
mahl besuchte, gab mir eine loge in ein Privat- und dilettantentheater in
der rue de la victoire, wo sie auch spielte. ich ging auf einen Augenblick
dahin, hielt es aber nicht lange aus. die Physionomie von Paris im Winter
ist eine ganz andere als im sommer, die menge femmes entretenues, die
man im sommer überall, in den champselysées, im Bois de Boulogne etc. zu
Pferde und zu Wagen begegnet, sieht man jetzt wenig oder gar nicht, abgese-
hen davon scheint mir aber überhaupt die fröhlichkeit gegen sonst hier sehr
abgenommen zu haben, woran ich mich übrigens irren kann, da mein Auf-
enthalt hier noch sehr kurz ist, jedoch scheint mir, que les affaires de toute
sorte vont mal, et qu’on craint pour l’avenir. Bis vor ganz kurzer Zeit war es
auch in der großen Welt sehr stille, erst seit 14 tagen gibt es im foubourg s.
germain Bälle und soiréen, die übrigens gegen Alles, was zur regierung ge-
hört, streng abgeschlossen sind. Andererseits geben die minister, der Préfet
de le seine etc. par ordre de mufti Bälle, welche aber wahre cohues sind.
das ultrastrenge Preßgesetz ist gestern erschienen und macht gar keinen
eindruck, on est blasé sur tout, ebensowenig die bevorstehenden Wahlen
zum corps législatif.
[Paris] 24. februar früh
morgen früh oder vielmehr heute nacht nach dem Bal masqué (um 8 uhr)
fahre ich nach Brüssel zurück. neulich hatte ich (oder eigentlich gab ich) ein
recht hübsches kleines diner im café Anglais, ich hatte nämlich mad. divan
engagirt, die aber dann im letzten Augenblicke verhindert war, so daß ich
eine andere sehr hübsche dame, mad. rudler, die ich neulich kennen ge-
lernt, an ihrer statt mitnahm. um nicht en tête à tête zu seyn, hatte ich den
Pianisten leopold meyer aus Wien engagirt, welcher eine sehr hübsche und
liebenswürdige lionne, mad. godefroy, mitbrachte. meyer spielte uns nach
tische die komischesten dinge vor.
Am Bal masqué am 21. war eine furchtbare hitze und gedränge. 2 mas-
ken, wovon eine eine römerinn, emparirten sich eine Zeitlang meiner und
gaben mir ihre Adresse, und als ich dumm genug war, tags darauf hinzu-
gehen, fand ich eine ältliche marchesa aus rom und – eine kohlschwarze
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien