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März 1852
menseyns, worin ich ihn beynahe täglich an der tabledhôte sah und sprach,
kennen gelernt habe, ein geistreicher oberflächlicher theoretiker, welcher
wie seine collegen Proudhon etc. dem despotismus am allerwirksamsten in
die hände arbeitet, indem er durch das vage seiner theorieen und durch
den colossalen umfang der von ihm projectirten veränderungen und re-
formen 99 menschen unter 100 erschreckt, nämlich alle furchtsamen, und
nebstdem alle Jene, welche (und meiner Ansicht nach mit vollem rechte)
eine so totale umwälzung des Bestehenden durchaus nicht für nothwendig,
weder gerechtfertiget, noch provocirt halten.
Prag 6. märz Abends
Wie es mir bey solchen gelegenheiten immer zu gehen pflegt, so ging ich
auch dießmal ungern von suarlée fort, während ich im Anfange meines sé-
jours daselbst gefürchtet hatte, ich würde jene 2–3 tage kaum aushalten
können, das ruhige, einförmige leben auf dem lande unter angenehmen
menschen hat etwas Anziehendes, welches sich erst nach und nach, jedoch
um so stärker geltend macht. ich mußte Augusta und georges [horrocks]
versprechen, sie bald wieder und für eine längere Zeit zu besuchen.
Am 9. um 11 uhr fuhr ich fort, nach namur, und von da auf der eisen-
bahn längs der maas, eine reizende gegend (wie diese auch schon die fahrt
von Brainelecomte bis namur gewesen war), bis lüttich, wo ich den eben
abgehenden cölnerzug bestieg und nach 8 uhr Abends in cöln war. so-
wie die untersuchung der effecten etc. vorüber war, fuhr ich sogleich nach
deutz hinüber auf den Berliner Bahnhof, soupirte daselbst und fuhr um 10
uhr weiter.
Während ich in suarlée war, und auch schon am letzten tage meines Auf-
enthaltes in Brüssel, war ziemlich viel schnee gefallen, so daß ich nun den
ganzen Weg bis Berlin und weiter bis an die böhmische grenze (wo derselbe
plötzlich ganz aufhörte, und auch eine viel mildere luft wehte) nichts als
schnee fand. um 7 uhr des morgens am 4. waren wir in Braunschweig, um
11 in magdeburg und vor 3 uhr in Berlin, wo ich wieder im hôtel meinhardt
abstieg.
nachdem ich gegessen hatte, fuhr ich zu clementine hinaus und fand sie,
da sie eben in ihrer liegeperiode ist, auf ihrem streckbette, auf dem sie nun
schon beynahe 3 Wochen tag und nacht zubringt.1 dessenungeachtet fand
ich sie sehr gut aussehend, heiter und erfreut mich zu sehen. ich verplau-
derte bey ihr den ganzen Abend.
1 clementine, die siebzehnjährige tochter von Andrians cousin frh. eduard v. Andrian-
Werburg, befand sich seit september 1851 zur Behandlung in Berlin, vgl. eintrag v.
30.8.1851.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien