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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
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Tagebücher540 gestern, ein grimmig kalter tag, verschlenderte ich in Berlin. morgens um 11 uhr war Parade einiger infanterieregimenter unter den linden vor dem könige. die truppen sahen superb aus, marschirten prächtig und waren lustig und frisch wie schulknaben. später besuchte ich Budberg, er wollte mir etwas für meyendorf in Wien mitgeben, was mir ganz recht gewesen wäre; schickte mir aber dann Nichts. Prokesch traf ich nicht. Der einzige von unserer gesandtschaft, den ich sah, war Pfusterschmid, den ich unter den linden begegnete. Abends war ich in einer mittelmäßigen franzö- sischen comödie. Budberg, welcher überhaupt sehr gut informirt scheint, bestätigte mir die geschichte wegen der zwischen uns und dem elysée gepflogenen und nun abgebrochenen verhandlungen rücksichtlich italiens, nur sagte er, die in- itiative dazu sey von hübner ausgegangen, pour faire l’important, und er sey hinterdrein désavouirt worden.1 er erzählte mir eine menge détails über Persigny, welcher ein Jahr lang hier gesandter war, um mir zu zeigen, wie unzuverlässig, abenteuerlich und speciell antiösterreichisch er sey, die katz- balgereyen des dummen felix [schwarzenberg] mit england sind unter die- sen umständen doppelt ungeschickt. in Berlin, wo ich zuerst wieder über oesterreich etwas näheres las und hörte, erfuhr ich erst, daß die ständischen Ausschüsse in mehreren Provinzen in folge der Patente vom 31. december2 schritte gemacht hatten, um ihre alte ständische verfassung wieder zu vindiciren. die folge davon war, daß die Ausschüsse sämmtlich unter die statthalter gestellt und ihnen untersagt wurde, sich mit anderen als den laufenden gegenständen zu beschäftigen. ich bin begierig, näheres darüber zu erfahren sowie über den eindruck, den dieses unter dem Adel macht. Patrimonialherrlichkeit, ständische verfas- sung und jede andere Art von verfassung, Alles mit einem mahle zu verlie- ren, das ist viel. Wäre ich im lande gewesen, man hätte gewiß mir an jenen schritten schuld gegeben. Je vois avec plaisir que son majesté l’empereur le charge de faire l’éducation politique de toutes les classes de la société. Dieser war der einzige Weg. Auch die finanzen werden immer schlechter, der ver- such eines Anlehens bey rothschild ist définitiv fehlgeschlagen. heute früh 7 uhr fuhr ich, bey einer kälte von 10° r., von Berlin ab, war um 1/2 1 in dresden, fuhr um 1/4 2 wieder weiter und kam um 1/2 10 hier an, wo ich im schwarzen roß abstieg und nun Betrachtungen anstelle über die schlechtigkeit unserer gasthöfe. Ja wir sind ein kaum halbcivilisirtes volk, und nur Wenige bey uns haben das Bedürfniß der reinlichkeit und eines mäßigen comforts. 1 vgl. dazu eintrag v. 28.2.1852. 2 die Aufhebung der verfassung am 31.12.1851.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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