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Tagebücher540
gestern, ein grimmig kalter tag, verschlenderte ich in Berlin. morgens
um 11 uhr war Parade einiger infanterieregimenter unter den linden vor
dem könige. die truppen sahen superb aus, marschirten prächtig und
waren lustig und frisch wie schulknaben. später besuchte ich Budberg,
er wollte mir etwas für meyendorf in Wien mitgeben, was mir ganz recht
gewesen wäre; schickte mir aber dann Nichts. Prokesch traf ich nicht. Der
einzige von unserer gesandtschaft, den ich sah, war Pfusterschmid, den ich
unter den linden begegnete. Abends war ich in einer mittelmäßigen franzö-
sischen comödie.
Budberg, welcher überhaupt sehr gut informirt scheint, bestätigte mir die
geschichte wegen der zwischen uns und dem elysée gepflogenen und nun
abgebrochenen verhandlungen rücksichtlich italiens, nur sagte er, die in-
itiative dazu sey von hübner ausgegangen, pour faire l’important, und er
sey hinterdrein désavouirt worden.1 er erzählte mir eine menge détails über
Persigny, welcher ein Jahr lang hier gesandter war, um mir zu zeigen, wie
unzuverlässig, abenteuerlich und speciell antiösterreichisch er sey, die katz-
balgereyen des dummen felix [schwarzenberg] mit england sind unter die-
sen umständen doppelt ungeschickt.
in Berlin, wo ich zuerst wieder über oesterreich etwas näheres las und
hörte, erfuhr ich erst, daß die ständischen Ausschüsse in mehreren Provinzen
in folge der Patente vom 31. december2 schritte gemacht hatten, um ihre
alte ständische verfassung wieder zu vindiciren. die folge davon war, daß
die Ausschüsse sämmtlich unter die statthalter gestellt und ihnen untersagt
wurde, sich mit anderen als den laufenden gegenständen zu beschäftigen.
ich bin begierig, näheres darüber zu erfahren sowie über den eindruck, den
dieses unter dem Adel macht. Patrimonialherrlichkeit, ständische verfas-
sung und jede andere Art von verfassung, Alles mit einem mahle zu verlie-
ren, das ist viel. Wäre ich im lande gewesen, man hätte gewiß mir an jenen
schritten schuld gegeben. Je vois avec plaisir que son majesté l’empereur le
charge de faire l’éducation politique de toutes les classes de la société. Dieser
war der einzige Weg. Auch die finanzen werden immer schlechter, der ver-
such eines Anlehens bey rothschild ist définitiv fehlgeschlagen.
heute früh 7 uhr fuhr ich, bey einer kälte von 10° r., von Berlin ab, war
um 1/2 1 in dresden, fuhr um 1/4 2 wieder weiter und kam um 1/2 10 hier an,
wo ich im schwarzen roß abstieg und nun Betrachtungen anstelle über die
schlechtigkeit unserer gasthöfe. Ja wir sind ein kaum halbcivilisirtes volk,
und nur Wenige bey uns haben das Bedürfniß der reinlichkeit und eines
mäßigen comforts.
1 vgl. dazu eintrag v. 28.2.1852.
2 die Aufhebung der verfassung am 31.12.1851.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien