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März 1852
in ungarn gehen die dinge ebenfalls immer schlechter. geringer soll zwar
nicht mehr dahin gehen, jedoch an seine stelle ein anderer seines Zeichens.
das statut ist noch immer in die ferne hinausgerückt. mir scheint, daß die
antidynastische gesinnung in diesem lande immer mehr überhand nimmt,
und daß selbst die altconservativen ungarn nach und nach aufhören, die
loyale komödie zu spielen, welche sie seit 1849 mit großer geschicklichkeit
und wenig erfolg gespielt haben. trotz dessen will der kaiser im may dahin
reisen, freylich mehr um ein cavallerielager zu besichtigen.
neulich stand in der Allgemeinen Zeitung, die ein ganz misérables sudel-
blatt geworden ist, ich hätte einen congress von Adeligen hieher berufen,
um um Berufung der alten Provinzialstände zu petitioniren! da ich diese
Zeitung nicht lese, machte mich Becher erst darauf aufmerksam, und ich
sandte gestern an kolb eine ziemlich spitzige erwiderung, die er hoffentlich
aufnehmen wird.1 da, wie mir Becher sagte, jener Artikel aus dem ministe-
rium des inneren stammt, so werde ich vielleicht zu schwarzenberg gehen
pour demander raison, ich sage vielleicht, denn ich habe keine große lust,
mich unter diese leute zu mischen.
Bach ist ein meisterstück von unverschämter niederträchtigkeit und läßt
sich von schwarzenberg überall hin eindrängen und einbetteln, wo man ihn
mit füßen tritt, bey lichtenstein, meyendorf etc. der kerl fängt an mir zu
gefallen, er ist ein vollendetes specimen von hundsfötterey.
der hauptgegenstand der unterhaltung waren übrigens in diesen tagen
die russischen großfürsten, welche am 12. ankamen und bis 26. bleiben, und
die ihnen zu ehren gegebenen veranstaltungen und tableaux bey hofe. ich
war bey der generalprobe einer dieser vorstellungen, wo ich von einem di-
ner bey miska esterhazy auf ein paar stunden hinfuhr.
gabrielle und ihr hof sollen, wie es jetzt heißt, am 29. nach ofen ziehen.2
Am tage nach meiner Ankunft war ich den Abend bey ihr, mit gräfinn Bar-
koczy und ihrer tochter, welche mir recht gut gefiel. den fürsten leinin-
gen, meinen ehemaligen Premier, welcher den Winter hier zubrachte, habe
ich neulich gesehen.3 die italienische oper hat vor einigen tagen begon-
1 Allgemeine Zeitung (Augsburg) v. 9.3.1852, Beilage 1099: Wien 4. märz: der österreichi-
sche Adel und seine künftige stellung zur gemeinde und Provinz. darin wird über eine
angebliche Aufforderung berichtet, die einberufung der alten landstände zu verlangen,
„welche von einem kleinen hier versammelt gewesenen kreise von Adeligen dieser gesin-
nung, berufen durch Baron Andrian, dem verfasser von ‚oesterreich und seiner Zukunft‘
ausgegangen war.“ Zu Andrians entgegnung vgl. eintrag v. 29.3.1852.
2 Andrians schwester war hofdame bei erzherzogin hildegard, der gattin von erzherzog
Albrecht, dem militär- und Zivilgouverneur von ungarn.
3 fürst karl leiningen war vom 6.8.–5.9.1848 deutscher reichsministerpräsident, während
Andrian als reichsgesandter in london tätig war.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien