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Tagebücher548
schreibt gabrielle, welche übrigens, sehr begreiflicherweise, in dem übelsten
humor von der Welt ist und Pesth und ofen mit schmutzigen böhmischen
dörfern vergleicht. ihre ganze sehr angenehme hiesige existenz sowol im
hause als in der gesellschaft ist gerissen, und nebst dem Abschiede von mir
fiel ihr, wie ich glaube, noch besonders der von erzherzogin marie und erz-
herzog Wilhelm schwer, doch glaube ich nicht, dass dieses exil lange dauern
werde, und übrigens kommen sie im sommer wieder nach der Weilburg, für
mich selbst ist diese Abreise ein großer verlust, und ich fühle es erst jetzt,
wie allein ich hier bin.
einen der letzten Abende war ich bey Bárkoczy, welche sehr freundlich
und zuvorkommend gegen mich sind, er war gestern bey mir und machte
seine Bemerkungen über den hiesigen (i.e. den gesamtösterreichischen, ex-
clusive des ungarischen) Adel und seinen politischen Quietismus, wie er es
nannte, ich nenne es dummheit. Wirklich wird jetzt von allen officiellen sei-
ten her auf den Adel losgedroschen, ohne daß dieser sich rührt, und der in-
solenteste dabey ist wie immer der lloyd, welcher durch Actionnaire aus der
hohen Aristokratie gegründet wurde! diese schafsköpfe gaben 57.000 fl her,
ohne eine empfangsbestätigung, ohne einen vertrag, ohne herrn Warrens,
der sie jetzt hunzt, in irgend etwas die hände zu binden!
ich freue mich im stillen über diesen hohn, welcher jetzt von oben herab
über den Adel ausgegossen wird, er wird ihn endlich aufrütteln, wo nicht, so
ist er keinen schuß Pulver werth, nirgends könnte seine stellung so bedeu-
tend seyn wie hier, il n’aurait qu’a vouloir. Aber besonders die chefs sind
maßlos dumm.
gestern Abends traf ich bey dem stupiden consul schwarz (welcher eine
Art von politischem, katholischen, reactionairen, spießbürgerlichen etc.
salon hält, den ich schanden halber alle Jahre einmal besuche) Procop la-
zanzky, den ich seit may 1848 nicht gesehen hatte, der kerl scheint noch
immer so ein verbissener heimtückischer czeche wie damals, als ihm diese
vocation weiß gott wie vom himmel fiel, er wollte mich nach seiner Art lä-
chelnd beißen, ich schlug aber auf gut deutsch aus, und so gingen wir als
ziemlich gute freunde auseinander.
heute nachmittag ging ich mit malaguzzi am kohlmarkt spatzieren, als
wir von Bekannten, die uns begegneten, den tod felix schwarzenbergs ver-
nahmen, in der staatskanzley, wohin wir sofort gingen, hörten wir die dé-
tails. es hatte ihn um 1/2 6, während er toilette machte, um zu seinem Bru-
der zu tische zu gehen, der nervenschlag getroffen, und nach einer halben
stunde, während der er bewußtlos war, starb er, der kaiser traf ihn sterbend.
dieser unerwartete fall macht große sensation, es ist ein sehr wichtiges er-
eigniß, denn sein eiserner Wille und charakter (mit welchem nur die intelli-
genz leider nicht immer schritt hielt) hielten das ganze zusammen. mit ihm
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien