Seite - 552 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 552 -
Text der Seite - 552 -
Tagebücher552
wieder ein gâchis werden soll, woran ich auch keinen Augenblick zweifle.
von den berathenden collegien, welche die grundzüge vom 31. december in
Aussicht stellen, hört man noch nichts,1 doch werden es wahrscheinlich eine
Art Provincialcongregationen werden wie in italien, und zwar nicht nach
der ursprünglichen idee des Jahres 1815, sondern in der verstümmelten ver-
kümmerten Art, wie sie sich dort nach und nach gestalteten. da wird dann
die Bureaukratie mehr hausen als je, die reibungen werden immer größer,
die unzufriedenheit allgemeiner werden, der kaiser wird immer mehr des-
potisch durchschlagen, et cela ira autant que cela pourra. man möchte die
ganze Welt zertrümmern, wenn man sieht, was für ein esel- und lumpen-
pack sie regiert.
ich bin gerade jetzt in einer epoche des übelsten humors, ich sehe kei-
nen vernünftigen Ausweg, sondern ein langes, vielleicht jahrelanges ver-
kümmern, eine verschlechterte, violentere und rechtlosere Wiederholung
der vormärzlichen Zustände ohne die jugendliche frische, empfänglichkeit
und elasticität von damals, bleyerne hoffnungslosigkeit und am ende eine
explosion, wenn ich gebrochen und vergessen bin, und neue menschen auf-
tauchen. ich möchte mich zurückziehen und etwas neues anfangen, etwa
heirathen, das ist aber leichter gesagt als ausgeführt. vielleicht ist an dem
allen nur das schlechte Wetter und meine durch dasselbe (wie immer) auf-
geregten nerven schuld, wohl auch zum theile die bleyerne langweile und
interesselosigkeit meines jetzigen lebens, ich möchte gerne an irgend etwas,
und wäre es eine köchinn, ein interesse finden und kann nicht. irma Zichy,
die keine köchinn, sondern eine reizende anmuthige junge frau ist, war ein
paar tage hier und ist wieder abgereist.
der verfasser der „brennenden fragen“ ist – – hartig!2 der also mit jedem
Jahre, mit jeder neuen politischen Phase farbe wechselt! mit diesem manne
ist also auch nicht mehr zu gehen, mit ihm, der jedes historische recht igno-
rirt, und durch und durch ein jämmerlicher doctrinairer Bureaukrat ist, es
thut mir leid, denn auf ihn hatte ich in manchen stücken gerechnet, natür-
lich lobhudeln ihn die ministeriellen Blätter auf das äußerste.
vernunft, Besonnenheit und liebe zur sache verlassen einen mit jedem
tage mehr, um der blinden leidenschaft Platz zu machen, das ist der gang,
den die dinge und die menschen nehmen.
1 die „grundsätze für organische einrichtungen in den kronländern des österreichischen
kaiserstaates“, die gleichzeitig mit den Patenten zur Aufhebung der verfassung vom
31.12.1851 erschienen, sahen vor, dass den kreisbehörden und statthaltereien „berathende
Ausschüsse aus dem besitzenden erbadel, dem großen und kleinen grundbesitze und der
industrie mit gehöriger Bezeichnung der objecte und des umfanges ihrer Wirksamkeit an
die seite gestellt“ werden sollten.
2 vgl. dazu eintrag v. 12.4.1852.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien