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Mai 1852
[Wien] 5. may
ich und mit mir die ganze stadt heizen noch immer, es ist kalt, unfreund-
lich und seit dem 1. dieses monats regnerisch, wann wird es einmahl früh-
ling werden? die temperatur wechselt bisher zwischen 5 und 10° r. meine
nerven leiden unter dieser unnatürlichen Witterung sehr, ich bin physisch
und moralisch abgespannt und war es besonders vor einigen tagen noch
mehr.
gabrielle ist seit dem 21. hier und geht morgen nach Pesth zurück, da
die älteste tochter der erzherzoginn einen, zwar leichten, typhus hat. ich
habe sie wie natürlich sehr viel gesehen und ein oder zweymahl die Barko-
czys bey ihr getroffen. gabriellens Plan scheint, wenn auch keine besondere
schwierigkeiten zu haben, doch ein langwieriger, wo dann eine menge dinge
dazwischen kommen können, et ensuite il reste encore à savoir si cela en
vaut la peine, darauf kann ich bis jetzt noch keine Antwort geben.1 ich lebe
im übrigen so langweilig als möglich, theilnahmslos an Allem um mich her
und nicht sehr gesund, auch manchmal ganz muthlos, je ne bats plus que
d’une aile. Zuweilen will ich mir noch eine Zerstreuung verschaffen nach
Art früherer Zeiten, mit irgend einem Bürgermädchen aus stadt oder vor-
stadt, aber auch dieses will nicht mehr recht ziehen. so habe ich in letzter
Zeit ein paar unschuldige Abendpromenaden gemacht mit der tochter eines
kleinen fabrikanten von spittelberg, welche mich durch ihr geschwätz und
ihre geschichtchen aus dem leben der Bürgerfamilien, ihrer Bekanntschaft
amusirte etc. Auch kathi güttersberg hat mich ein paar mahle besucht, etc.,
aber das Alles langweilt mich im grunde.
ich war neulich bey Buol, um ihm meinen Besuch zu machen, zugleich
sagte ich ihm, daß, wenn er mich brauchen könne, ich mich ihm zur verfü-
gung stelle. Wie ich überhaupt nicht die gabe der geschicklichkeit und intri-
guentalent, besonders in meinen eigenen Angelegenheiten, besitze, so glaube
ich auch hier kein besonderes resultat erzielt zu haben, aus furcht, als ein
Bittender zu erscheinen, verfalle ich gewöhnlich in das entgegengesetzte ex-
trem, die richtige mitte zwischen beyden zu finden, habe ich nie verstanden,
das ist der angeborene und anerzogene stolz und raideur in meinem cha-
rakter. übrigens wollte ich in dem gegenwärtigen falle auch kaum mehr als
eine demonstration machen, und dieß habe ich gethan, einen erfolg erwarte
ich kaum und weiß nicht, ob ich ihn wünschen soll! die dinge gehen kraus
durch einander, und dieselbe Apathie, die sich meiner bemächtiget hat, ist
allgemein geworden, zu helfen ist nicht mehr, so kann man dem nur mehr
zusehen, auch das Wann? und Wie? ist nicht zu berechnen.
1 Gemeint ist eine von Andrians Schwester Gabrielle angeregte mögliche Heirat mit Gräfin
helene Barkóczy.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien