Seite - 558 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 558 -
Text der Seite - 558 -
Tagebücher558
die statthalterconferenzen sind nun zu ende und, wie ich höre, das or-
ganisirungsoperat auch, das freylich noch durch den reichsrath, kübeck
und seine majestät hindurch muß. viele zweifeln an der Zustimmung
des reichsrathes und glauben, daß am ende kübeck die ganze sache de-
finitiv abmachen wird, da erwarte ich übrigens ebensowenig. die landes-
ausschüsse, 20 bis 60 mann stark, in der Art der centralcongregationen
zusammengesetzt, für das 1. mahl vom kaiser ernannt (!), mit initiative,
Petitionsrecht und directer correspondenz mit seiner majestät, jedoch un-
ter dem vorsitze des statthalters etc., also manches gute, wobey jedoch zu
bemerken ist, daß Burger mir dieses sagte, wobey also wohl manches in der
Absicht erzählt seyn dürfte, um Bach zu popularisiren und ihn als den libe-
ralen Antagonisten kübecks hinzustellen, und diesem dann Alles zuzuschie-
ben, was unangenehm berühren wird. Bach sah ich gestern beym Zuckerbäk-
ker Patzelt zum erstenmahle seit mehr als einem Jahre, er grüßte mich sehr
freundlich, ich antwortete ceremoniös.
übrigens sollen die statthalter sich einstimmig und sehr derb über die
unhaltbarkeit der jetzigen verhältnisse, zugleich aber viel günstiger über
das vielverschrieene gemeindegesetz geäußert haben, als man erwartete.
Zugleich soll das neue Adelsstatut erscheinen: Adelscurien in jedem lande,
Adelsmarschälle, eigene uniformen, matrikelzeichen, hoffähigkeit, und nicht
ein politisches recht! das heißt: demokraten, ihr wißt nun, wen ihr das näch-
stemahl todtzuschlagen habt. und unsere dumme Aristocratie wird, dessen
bin ich gewiß, dieses nessushemd mit stupidem Jubel aufnehmen! – –
leo thun ist auf urlaub gegangen, man sagt, er soll nicht mehr zurückkeh-
ren, und sein ministerium eingehen, resp. mit dem des innern, wie früher,
vereiniget werden. colloredo ist gesandter in london geworden. ein neues
Anlehen von 35 millionen silber ist in frankfurt zu 87 à 5% (!!) geschlossen
worden, womit man die valuta, die immer zwischen 22 und 25 schwankt, her-
stellen will,1 ein tropfen ins meer. finanzausweise werden schon lange nicht
veröffentlicht, von der Abnahme des deficits wird zwar in den ministeriellen
Zeitungen viel gesprochen, aber kein mensch glaubt daran. für hebung des
materiellen Wohles, gewerbgesetz etc. geschieht gar nichts, die fabrikation
liegt darnieder, ob in folge des neuen tariffs oder aus anderen gründen.
gräfin Bergen, recte hohenthal war hier,2 da ich es erst spät durch ler-
chenfeld erfuhr, sah ich sie nur einmahl, neulich war der glashausball bey
1 diese Anleihe und die im eintrag v. 2.6.1852 erwähnte londoner Anleihe waren das ergeb-
nis einer reise von ministerialrat Johann Anton Brentano. sie wurden über die rothschild-
schen Banken aufgelegt.
2 Gräfin Karoline v. Bergen war seit 28.10.1851 in zweiter Ehe mit Graf Adolf v. Hohenthal
verheiratet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien