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Juli 1852
morgens, 2 gläser Pandur nachmittags,1 gestern habe ich auch das erste
soolenbad genommen.
im übrigen finde ich das hiesige Badeleben wenn auch durchaus nicht
brillant, so doch recht angenehm und bequem, ob ich das ewige Promeni-
ren am curplatze und das beständige Beysammenseyn nicht bald satt ha-
ben werde, steht dahin. mittlerweilen gêniren mich bloß die hunderttausend
hoheiten und beständigen Praesentationen, welche immer in conspectu po-
puli auf der Promenade geschehen. gestern wurde ich auf diese Art ziemlich
unvermutheter Weise der königinn von Bayern vorgestellt und werde nun
wohl den anderen hoheiten auch nicht ausweichen können.
mein häufigster umgang außer meinen männlichen landsleuten und
tischgenossen (Wimpffen, Pachta, hans kolowrat, papa Barkoczy etc.) sind
Baroninn seebach, gräfin kalergis, gräfin kisseleff, das ehepaar lagrange,
fanny stockau etc., und last not least eine wunderhübsche und niedliche
frau v. Wolff aus cassel, der ich ein Bischen die cour mache. Am ersten
tage unserer Bekanntschaft machte ich mit ihr, einer frau v. Jahn aus Ber-
lin und ein paar herren einen spaziergang auf die Bodenlaube, wo wir von
einem fürchterlichen und anhaltenden gewitter überrascht wurden und in
die restauration flüchten mußten wie weiland dido und Aeneas, die Wagen,
um die wir geschickt hatten, kamen erst nach 10 uhr Abends, so daß uns
schon die ziemlich nahe und mir nichts weniger als unangenehme Aussicht
eröffnet war, eine nacht auf der streu zubringen zu müssen.
Abends nach der Promenade spielt uns gewöhnlich gräfin kalergis im
conversationssaale auf dem fortepiano, worauf sie eine vollendete künst-
lerinn ist, dann gehen wir miteinander ins kurhaus und soupiren dort. frau
v. seebach, deren vater ich mich gestern vorstellen ließ, ist eine sehr ange-
nehme, heitere frau, mit der ich viel umgehe, leider geht sie schon morgen
fort, und es findet heute ihr zu ehren eine partie monstre auf den claushof
mit tanz, souper etc. statt.
Wie gewöhnlich sind alle diese eleganten damen, besonders die russin-
nen, obwohl äußerlich die besten freundinnen, unter sich wie hunde und
katzen, hier kommen dann noch politische ursachen dazu, da z.B. gräfin
kalergis und kisseleff, toutes deux femmes politiques, die erstere Bonaparti-
stinn, die andere Polinn, daher röthlich, und Beyde wie alle frauen in ihren
meinungen leidenschaftlich sind. dieses amusirt mich übrigens als unpar-
theiischer Zuschauer um so mehr, dazwischen bewegt sich das ehepaar la-
grange (er ist sénateur) und sie eine femme auteur, welche die ganze Zeit,
die sie nicht auf der retirade zubringt, zum romanschreiben und vorlesen
verwendet. ein anderer Badediscurs ist die flirtation der frau von Ben-
1 rakoczy und Pandur sind die namen der heilquellen von Bad kissingen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien