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Juli 1852
schmiegsamen character hat, aber gerade das ist es, woran ich zweifle, kurz,
mes perplexités augmentent, indessen scheint es mir, daß ich bedeutend ter-
rain gewinne und nicht mißfalle. gestern waren wir fast den ganzen tag
zusammen, da wir und hans kolowrat nach neustadt an der saale fuhren,
dort aßen, dann die salzburg bestiegen und Abends über Bocklet zurück-
kehrten.
im übrigen ist mein hiesiges leben das alte, gräfinn kalergis die Badekö-
niginn, franz Wimpffen eine Art von Badekönig, die hoheiten nehmen eher
zu als ab, ich bin einigen von ihnen, dem könig oscar und den mecklenbur-
gischen Altesses vorgestellt worden, ebenso herzog max etc., das Alles ist
ziemlich einförmig und langweilig.
gabrielle, welche von einer plötzlichen reisewuth ergriffen worden ist,
will durchaus mit mir nach Paris fahren, kommt um den 15. mit erzherzogin
hildegarde nach frankfurt, wo ich sie abholen soll. mir wäre es eigentlich
lieber gewesen, ganz einfach nach hause zu gehen und noch 4–5 Wochen der
schönen Zeit in Baden zuzubringen.
schönhals’s erinnerungen, die ich nun lese,1 sind ebensoschlecht als gör-
geys mémoiren, leidenschaftlich, einseitig, beschränkt, in Allem Politischen
ganz miserabel, das militärische confus, kurz für einen lieutenant gut ge-
nug, für einen mann wie schönhals unter aller kritik.
neulich hatten wir unter den vielen langweiligen concerts, mit denen man
hier heimgesucht wird, ein recht gutes: thérèse milanollo auf der violine.
mit Politik, wenigstens mit österreichischer Politik, gebe ich mich hier
sehr wenig ab und höre zum glücke auch wenig davon sprechen, und das
ist viel werth. nur manchmal tönt ein solcher mißton zu mir herüber und
regt mir die galle und den üblen humor von neuem auf, so z.B. heute, wo
fonton von Wien kam und mir einiges erzählte. die reise des kaisers in
ungarn wird gebührend exploitirt, und in Wien für seine rückkehr große
festlichkeiten vorbereitet! Wie dumm, misérabel und unpassend! Bach steht
in folge dieses anscheinenden succès fester als je.
da ich vor Allem darauf halte, meine freyheit zu behalten, und nebstdem
hier auch noch andere Zwecke habe als die der kur und des vergnügens,2
so habe ich mich sowohl der russischen gesellschaft als den hoheiten nicht
pieds et mains liées hingeben wollen, wie es Pachta, lichnowsky etc. thaten,
die nun, besonders in diesen letzten tagen, von früh bis Abend eingespannt
sind. mit den russischen damen, welche meistentheils sehr liebenswürdig
1 karl schönhals, erinnerungen eines österreichischen veteranen aus dem italienischen
kriege 1848 und 1849. 2 Bde. (stuttgart 1852).
2 Gemeint sind Andrians Sondierungen bezüglich einer möglichen Heirat mit Gräfin Helene
Barkóczy.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien