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August 1852
seit etwa 8 tagen regnerisch und kühl, was hier, wo man eigentlich nur im
freyen existiren kann, doppelt unangenehm ist.
Abends mache ich, wenn das Wetter es erlaubt, fußpromenaden mit den
Barkoczys und hans kolowrat, erstere gehen morgen fort, wir hatten für
heute als den letzten tag ihres hierseyns diner und andere Projekte, welche
aber durch den regen wenigstens zum theile vereitelt werden dürften, wir
kennen uns als sehr gute freunde, weiter habe ich die sache nicht getrieben,
erstlich weil keine rechte gelegenheit dazu vorhanden war, dann weil ich
des erfolges denn doch nicht gewiß wäre, endlich und hauptsächlich, weil ich
mir noch Zeit zur überlegung lassen wollte, car il y a des pros et des contre.
übermorgen gegen mittag will ich fort, meine 4 Wochen sind um, und
ich habe keinen grund länger zu bleiben, noch weiß ich aber nicht wohin?
gabrielle schreibt schon seit 8 bis 10 tagen nicht, ich weiß daher nicht, ob
sie bey ihrem reiseprojekte nach Paris verbleibt oder nicht? im ersteren
falle gehe ich nach frankfurt, im letzteren heimwärts. diese ungewißheit
im letzten Augenblicke ist höchst unangenehm.
die stupiden empfangsfeyerlichkeiten in Wien sind offenbar von Bach
angezettelt, um sich dadurch beym kaiser fester zu stellen,1 et pour faire
mousser son vin, er hat jetzt oberwasser und benützt den moment.
Wiesbaden 14. August
dienstag den 10. vormittags waren hans kolowrat und ich bey der Abreise
der Barkoczy’s zugegen. tags darauf gegen 11 uhr fuhr ich fort, am Brunnen
sprach ich noch lange, beynahe anderthalb stunden, mit dem könige von
schweden, es ist ein höchst aufgeklärter, vernünftiger, humaner mann, und
ich könnte nur wünschen, wie ich es ihm auch sagte, daß viele monarchen
ihm ähnlich wären. er erzählte mir beynahe fortwährend vieles interessante
über schweden und entwickelte dabey mit einer merkwürdigen ruhe und
leidenschaftslosigkeit Ansichten, welchen ich meine Bewunderung schen-
ken mußte.
dewitz und kolowrat besuchten mich noch im letzten Augenblicke, und so
fuhr ich vor 11 von hause ab und war nach 1 uhr in hammelburg, wo ich zu
mittag aß, um 7 uhr war ich in lohr, wo ich übernachtete. tags darauf um
9 kam das dampfschiff, bey abwechselndem regen und sonnenschein und
nach einer langen und langweiligen fahrt, welche zwar bis in die gegend
von hanau immer durch ein sehr freundliches, belebtes hügelland ging,
kamen wir um 1/2 10 uhr Abends in frankfurt an, wo ich im römischen
kaiser abstieg, wie viele erinnerungen wurden in mir wieder lebendig, als
1 gemeint sind die feierlichkeiten anlässlich der rückkehr des kaisers von seiner ungari-
schen reise.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien