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Tagebücher578
Wir fuhren also am 20. früh per eisenbahn nach mainz und dann rhein
abwärts nach cöln (wir hatten ein herrliches Wetter), wo wir um 5 anka-
men und im rheinberg abstiegen, wir sahen uns den dom, die farinasche
fabrik,1 die stadt, die römischen Bauwerke etc. an und langweilten uns
dann ziemlich, bis es 11 uhr wurde. um 1/2 12 Abends ging es per eisen-
bahn weiter, wo wir zu unserm großen verdrusse auch für unsere leute
Plätze 1. classe nehmen mußten, und waren um 1/2 7 uhr früh in Brüssel,
dort wurde gefrühstückt, im hôtel de flandre, und dann auf einem umwege
durch die schönsten theile der stadt auf die station du midi gefahren, um
8 ging es weiter, und um 1/2 6 nachmittag waren wir in Paris, wo wir hôtel
d’isly, rue lafitte abstiegen.
denselben Abend führte ich gabrielle auf den Boulevards, im Palais royal
etc. herum, und dann ins theatre du Palais royal. tags darauf, sonntag,
gingen wir in die madeleine zur messe und fuhren dann nach versailles,
wo die grandes eaux spielten, kamen zu tische zurück und gingen dann ins
opèra comique.
gestern endlich begleitete ich sie auf einer großen tour nach sehenswür-
digkeiten: Jardin des plantes, luxembourg, Panthéon, s. sulpice, notre-
dame, Palais de Justice, hôtel de ville etc., lauter dinge, die ich, obwohl mir
schon bekannt, recht gerne wieder sah. Abends waren wir im vaudeville.
heute ist gabrielle mit ihrer kammerjungfer unterwegs, um emplettes zu
machen, so daß dieser seit 5 tagen mein erster freyer vormittag ist, ein op-
fer, welches ich auch niemand Anderm als gabrielle bringen würde.
heidelberg 28. August Abends
da ich den gegenwärtigen Abstecher nach Paris ausschließlich zu dem
Zwecke unternommen hatte, um gabrielle diese stadt zu zeigen, und wir zu-
dem für Besuche zu wenig Zeit hatten, so sahen wir während unseres 5tägi-
gen Aufenthaltes daselbst keinen Bekannten, und wenn wir je Jemand der-
gleichen von ferne sahen, wichen wir ihm aus, ich war nur ein paarmahle,
jedesmal auf 1–2 stunden, allein und hatte die ganze übrige Zeit dem ge-
schäfte eines cicerone gewidmet, welches allerdings auf die länge beschwer-
lich gewesen wäre, es hat seine, und zwar großen, Agrémens in gesellschaft
zu reisen, aber auch die freyheit und ungenirtheit hat ihren Werth, und
ich fühle, daß ich ein alter Junggeselle zu werden anfange, hauptsächlich
daraus, daß ich diesen Werth sehr hoch anschlage. Am 24. Abends führte
ich gabrielle ins thèatre français, wo aber eine ziemlich mittelmäßige vor-
stellung war. tags darauf begleitete ich sie shopping, dann fuhren wir das
hôtel des invalides ansehen, und in die champs elysées. Abends waren wir
1 die berühmte eau de cologne-fabrik Johann maria farina.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien