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September 1852
ich habe so eben eines der interessantesten Bücher beendet, welches ich
seit lange zu gesichte bekommen: die Pflanze und ihr leben von schleiden.1
für mich ein ganz neues feld, das der naturwissenschaften, anziehend und
grandios wie allerdings kein Anderes, ich habe dasselbe bisher geflissentlich
vermieden, weil ich jede Zersplitterung und Polyhistory hasse. Aber es ist
die frage, ob ich bey dem jetzigen ekel und der practischen unfruchtbarkeit
auf jenem anderen gebiethe nicht gut thäte, mir hier ein neues interesse zu
schaffen, jedenfalls diente es zur Beruhigung.
[Baden] 20. september
das Wetter war bisher wunderschön, einen regentag abgerechnet, an wel-
chem ich, vor 3 tagen, in Wien war, es sind noch ziemlich viele leute da,
und es hat sogar ein paar Bälle gegeben, neulich einen garnisonsball, wo es
immer eine menge hübsche frauen gab, namentlich elegante Jüdinnen, wel-
che überhaupt hier die majorität bilden. flore ist seit 8 tagen zurück, celine
Belcredi ist in der Weilburg auf Besuch bey erzherzogin marie, sonst sehe
ich noch Pallavicinis und mocenigo sehr viel, das ist aber, mit Ausnahme der
männlichen Bekannten, Alles, ich gehe sehr viel spatzieren und lese sehr
viel, eine leichte und mir sehr interessante lektüre sind mir gutzkows rit-
ter vom geiste.2 von größeren Promenaden habe ich bisher eine einzige ge-
macht: nach vöslau und zurück durch den Wald, wo ich mich verirrte und
erst nach 2 1/2 stündigem herumwandern in soos anstatt hinter der Weil-
burg herauskam. im ganzen bin ich mit meinem Aufenthalte hier recht zu-
frieden und nehme mir vor, denselben solange als möglich und das Wetter
es zuläßt zu verlängern, besonders da ich wegen meines herbstes und noch
mehr wegen des Winters noch unschlüssig und einigermaßen in verlegen-
heit bin. das hängt mit anderweitigen ideen und Plänen zusammen, welche
mich seit kissingen beschäftigten, und über die ich noch immer nicht mit
mir ins reine gekommen bin. soviel fühle ich, daß ich dieses unstäte Wan-
derleben, welches ich seit einigen Jahren führe, nicht lange mehr fortführen
darf, wenn ich überhaupt daran denken will, mich häuslich niederzulassen,
denn die Jahre vergehen, ich werde, wenn auch noch nicht äußerlich (wor-
über ich mir jedoch vielleicht illusion mache), so doch innerlich alt, und in
ein paar Jahren werde ich nicht mehr daran denken können, was jetzt noch
möglich ist. Aber ich bin über die niederlassungsfrage selbst in abstracto
noch nicht recht im reinen, und noch weniger über ihre Anwendung in con-
creto auf den bestimmten gegenstand, ein inneres, allgemeines Bedürfniß
1 Matthias Jakob Schleiden, Die Pflanze und ihr Leben. Populäre Vorträge (Leipzig 1848).
2 karl ferdinand gutzkow, die ritter vom geiste. roman in neun Büchern (leipzig 1850–
1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien