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Tagebücher584
zu heirathen empfinde ich ebensowenig wie vor 10 Jahren, wohl aber das
eines comfortablen chez soi und der veränderten stellung, welche ein solches
gibt, wäre ich ein reicher mann, so würde ich wahrscheinlich nicht daran
denken, so wie ich bin, fühle ich aus politischen und ökonomischen grün-
den das Angenehme und räthliche einer solchen veränderung, ich fühle
das Bedürfniß einer Beschäftigung, eines intérims, welches mich abziehen
und in Anspruch nehmen würde, ich fühle, wie vortheilhaft es wäre, mit den
mächtigen Wurzeln des Besitzes in irgend einem Boden und einer classe zu
haften (und da wäre allerdings der ungarische Boden und die ungarische
Aristocratie das wünschenswertheste weil zukunftsreichste), kurz ich sehe
Alles dieses und noch viel Anderes.1
Was ich aber nicht sehe, das ist die Zukunft, ich meine unsere politische
Zukunft, die Politik ekelt mich schon seit einiger Zeit bedeutend an, ich bin
in eine Apathie versunken, aus welcher mich nur ein neuer sturm reißen
könnte. ob aber ein solcher kommen wird? d.h. ob er kommen wird, solange
ich noch da bin in ungeschwächter kraft? wer vermag das zu sagen? die Be-
rechnung und die erfahrung können wohl die frage: An? beantworten, nicht
aber, oder doch nur sehr unbestimmt die frage: Quando?
ist es aber aus für mich, dann mag ich mich nicht vorbereiten auf etwas,
was für mich nie kommen wird, und dieser chimäre die zweyte hälfte mei-
nes lebens opfern. dann möchte ich der sehnsucht nachgeben, welche seit
einiger Zeit immer lebhafter in mir wird: nach dem oriente, dem süden,
America, kurz dahin zu ziehen, wo es ewig sommer ist.
[Baden] 23. september
neben jenen fragen beschäftigen mich aber noch einige andere, welche mir
kaum weniger wichtig sind. die eine lautet: ist es zu verantworten, und
gleichzeitig ist es klug, ist es in meinem politischen interesse, dieses unthä-
tige, zuschauende leben, welches ich nun seit 2 1/2 – 3 Jahren führe, noch
lange fortzusetzen? und so nach und nach von meinen landsleuten verges-
sen zu werden, vergessen und verschollen zu seyn, wenn vielleicht einmahl
sich die scene ändert? – – der mißmuth und die Apathie nehmen überall
in meinem vaterlande überhand, nicht der bewußte, thatkräftige Zorn, son-
dern (wenigstens wie ich es beurtheile) der schleichende, verzweifelnde in-
differentismus, welcher das gute, was in der erhebung des Jahres 1848 lag,
mit dem schlechten, thörichten und lächerlichen zusammenwirft, Alles in
Bausch und Bogen verdammt oder eigentlich die jämmerlichen Zustände der
gegenwart als deren nothwendige folge ansieht. die wohlthätigen folgen
1 Andrians Aufenthalt im bayerischen kurbad kissingen hatte vornehmlich den Zweck, die
Möglichkeiten einer eventuellen Heirat mit Gräfin Helene Barkóczy auszuloten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien