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Tagebücher590
[Wien] 25. oktober
Am 20. Abends kam gabrielle an, ganz entzückt von dem hofe von turin
und von dem königspaare, welches sie ganz mit der alten herzlichkeit auf-
genommen hatte. Beyde hatten ihr sogar sehr ernstliche und dringende An-
träge gemacht, sich bey ihnen bleibend zu fixiren, wozu gabrielle, wie mir
scheint, große lust hätte. nach ihren erzählungen scheinen weder am hofe
noch im volke spuren der revolution zurückgeblieben zu seyn, am hofe sey
man gut österreichisch gesinnt und gegen Alles, was an 1848 erinnert, höch-
lichst aufgebracht, namentlich bilde die umgebung der königinn eine Art
opposition gegen den liberalismus und Anticatholicismus des ministeri-
ums, der kammern und (zum theile auch) des königs, ohne deßhalb an eine
Aufhebung der constitution zu denken, so sagen sie wenigstens jetzt, da so-
wol der könig als die königinn nichts davon hören wollen: car en Piémont au
moins, so sagte er zu gabrielle, la parole du roi est sacrée. ich sah gabrielle
denselben Abend, mußte aber am tage darauf, am 21. früh 7 uhr, abfahren,
da ich für diesen tag in grätz ein rendezvous mit meiner auf merkwürdige
Weise endlich entdeckten Bodenbacher Bekanntschaft festgesetzt hatte, und
dieses sich nicht mehr abändern ließ.1
ich fuhr daher beym schönsten Wetter von der Welt über den semme-
ring und war um 1/2 7 Abends in gratz, wo ich meine hübsche marie schon
am Bahnhofe wartend fand, wir wohnten im elephanten und verlebten
dort maritalement die nächsten 24 stunden, während deren ich mich, was
schon viel sagen will, nicht einen Augenblick langweilte, sondern sie viel-
mehr immer lieber gewann. Am 22., wieder ein ganz magnifiquer tag, gin-
gen wir viel spatzieren etc. nachmittags gegen 7 uhr begleitete ich sie auf
den Bahnhof und fuhr, als sie abgefahren war, ins theater, wo man dom
sebastian gab, den tag darauf versuchte ich mehrere meiner Bekannten zu
besuchen, fand aber keinen menschen. Alles war auf dem lande oder aus-
geflogen, außer richard Belcredi, der hier als angehender gelehrter oder
student lebt, ein ganz gescheidter Bursche, voll Wißbegier, der sich aber,
wie ich besorge, zersplittert und es doch nicht weiter als bis zum Polyhistor
bringen wird. ich möchte ihn dafür gewinnen, daß er die fragen des tages
vom höchsten objectiven wissenschaftlichen standpunkte aus studire und
sodann beleuchte. das interesse ist bey ihm allerdings da, aber wenigstens
vor der hand noch nicht die höhe der Auffassung, und doch hat, meiner in-
nersten überzeugung nach, gegenwärtig die Wissenschaft mehr zu wirken
als die Praxis, denn nur jene kann die tollen theorieen und Anmaßungen
niederwerfen, welche jetzt laut werden, und namentlich den despotismus
1 Andrian hatte marie meixner auf der rückfahrt von Böhmen nach Wien kennen gelernt,
vgl. eintrag v. 4.9.1852.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien