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November 1852
der staatsidee zerstören, welchen wir den irrlehren des 18. Jahrhunderts
verdanken.
Am 23. Abends fuhr ich ab und war gestern 5 uhr früh hier, gabrielle
bleibt noch bis 27., wir haben ganz herrliche warme tage. gestern sprach ich
Blittersdorf, der schon längere Zeit hier ist, wie mir scheint, um sich verwen-
den zu lassen. rastlosigkeit und ehrgeiz (!?) bey weißen herren.
ich habe so eben gutzkows ritter vom geiste beendet, trotz vielem nebel-
haften, dämmerigen und unklaren (denn obschon gerade die tendenz gutz-
kows und, wie es scheint, seit 1848 der gewitzigsten deutschen intelligenz
überhaupt vorzugsweise auf das klare und Praktische geht, so hängt ihm
doch noch viel hegelscher Jargon und deutsche Professorenüberschweng-
lichkeit an) ist es doch ein bedeutendes Werk, die lebendigste, geistvollste
und von dem höchsten standpunkte aus unternommene darstellung unse-
rer Zeit, ihrer richtungen, Partheyen, spaltungen und strebungen. Wir hier
taumeln unbewußt und im dunkeln tappend auf den Wegen fort (natürlich
immer auf kanonenschußdistanz hinter Allen Anderen), die in diesem Bu-
che klar und geistvoll erleuchtet sind. gutzkow recrutirt für die bevorste-
hende Zukunft im sinne einer aufgeklärten democratie, und nicht ohne
glück.
Während die draußen sich, je nach ihren verschiedenen farben, rüsten
auf die Wiederaufnahme des kampfes, ist hier nichts anderes zu thun als
abzuwarten, bis sich das jetzige system den kopf eingerannt haben wird,
was beym ersten äußeren Anstoße, aber wohl auch nicht früher, geschehen
dürfte, und höchstens mittlerweilen die idee und das gefühl des Rechtes in
den menschen wachzuerhalten, folglich also auch das gefühl der namenlo-
sen verletzungen, welche das recht täglich erfährt. vielleicht wird in eini-
ger Zeit, wenn sich die unzulänglichkeit und die letzten consequenzen der
gegenwärtigen regierungsweise noch klarer gezeigt haben und auch dem
blöden Auge des Publikums sichtbar geworden seyn werden, der Augenblick
gekommen seyn, um eine Apologie des repräsentativsystemes zu wagen, zur
Antwort auf die täglichen Angriffe und demonstrationen der officiellen Blät-
ter und sprecher, welche jetzt wie eine stimme der Wüste unbeantwortet
und daher gleichsam triumphirend predigen, und damit zugleich den Aus-
gang aus diesem labyrinthe zu zeigen. Jetzt wäre es noch zu früh.
[Wien] 2. november
es ist nun schon seit ungefähr 14 tagen sehr schönes und warmes herbst-
wetter, so daß ich, seit ich von grätz zurück bin, nicht mehr geheizt habe.
möchte dieß recht lange dauern!
gabrielle ist am 27. früh nach ofen abgereist und somit in ihre Winter-
quartiere gezogen, noch habe ich keine nachrichten von ihr. hier lebe ich
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien