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Dezember 1852
schon seit längerer Zeit, und immer wieder nach einiger unterbrechung,
tauchen die nämlichen gerüchte auf: von Aufhebung des Belagerungsstan-
des, niederlegung des Arméecommandos durch den kaiser, welches dem
erzherzog Albrecht angetragen worden seyn soll, Abdankung grünnes,
als dessen nachfolger mehrere, auch Alex. mensdorf, genannt werden (auf
grünne nämlich concentrirt sich, sehr mit unrecht, das odium in den mas-
sen für Alles was geschieht), und unter Andern auch: daß der kaiser civil-
kleider tragen werde – ! – ob an diesen, zum theile kindischen, gerüchten
etwas Wahres sey oder nicht, weiß ich nicht und glaube es nicht, aber daß sie
immer wiederkehren, beweist, daß die Bevölkerung (als urtypus des deut-
schen michel) noch geneigt ist, an das Bessere zu glauben, sich zu versöhnen
und zu vergessen.
Zum erstenmahle machen hier die Präsidentenwahlen in nordamerika
einen eindruck, und zwar einen unangenehmen, da ein erzdemocrat und
freund kossuths Präsident geworden ist.1 der dumme schwarz erzählte mir
neulich die komische geschichte seiner entlassung von seinem Posten als
consul jener regierung, als schwarzgelber und ultrakatholik.
im übrigen ist mein leben das alte, das Beste daran ist der salon von
henriette todesco. neulich, am 21., war katharinenredoute, und die mas-
ken sprachen mir, wie sie es bey mir schon seit einiger Zeit zu thun pflegen,
von Politik!! das ist ein trauriges Zeichen des nahenden Alters.
[Wien] 9. dezember
es will noch immer nicht Winter werden, 12 bis 15° Wärme, dann dazwi-
schen manchmal ein kühler neblichter tag, ich heize seit einigen tagen, je-
doch nur sehr wenig.
neulich sprach ich Bruck im theater und besuchte ihn dann einige tage
darauf. er geht dennoch nach Berlin (oder ist vielmehr schon fort), um die
verhandlungen wegen des Zollvertrages zu führen, der übrigens schon in den
wesentlichen Punkten festgesetzt seyn soll. der Zollverein reconstituirt sich,
wie ich nie daran zweifelte, und wir werden mit demselben einen gelinden
handelsvertrag schließen, wogegen nie ein Anstand war, und was man ohne
all den lärmen vor 3 Jahren hätte erreichen können.2 hier geht natürlich
unter diesen umständen die Zollkonferenz spatzieren, und man sucht nun
nach mitteln, um diese diplomatische niederlage möglichst zu übertünchen.
1 neuer Präsident der usA wurde franklin Pierce, rechtsanwalt aus new hampshire und
general im mexikanischen krieg (1846–1848).
2 Preußen hatte den deutschen Zollverein im november 1851 per 31.12.1854 gekündigt, er
wurde am 4.4.1853 auf zwölf Jahre verlängert. kurz zuvor am 19.2.1853 schlossen öster-
reich und Preußen einen mit dezember 1853 in kraft tretenden Zoll- und handelsvertrag.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien