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Dezember 1852
der hauptdiscours in diesen tagen war das toisonfest, welches am 5.
stattfand,1 und wobey 18 neue ritter (7 erzherzoge), darunter, was mich
wunderte, carlos Auersperg, der in ständischer uniform erschien, geschla-
gen wurden. da sich seine majestät nicht auch nur auf einen Augenblick
von ihrer geliebten uniform trennen können, so war die feyerlichkeit nicht
im ordenskostüme, die wahre kaiseridee ist bey ihm noch nicht durchge-
drungen.
die einführung des bürgerlichen gesetzbuches in ungarn und die Aufhe-
bung der Aviticität ist endlich erfolgt, jedenfalls ein großer schritt vorwärts.
Bestimmungen über neu zu errichtende majorate werden folgen, das ehe-
recht jedoch ist in ungarn das alte, d.h. den geistlichen gerichten unterwor-
fen geblieben, wohl ein fingerzeig, daß es auch bey uns so werden soll!2 ich
glaube, man wird es bald bereuen, sich so mit gebundenen händen an den
clerus überliefert zu haben.
l’empire est fait, und napoléon iii kaiser von frankreich,3 und Alles
beweist, daß er nicht mehr herr der situation ist, sondern von der Bande
schwindler fortgerissen wird, die ihn umgibt, fould, morny, Persigny & c.
finanzielle und Börsenspeculationen, welche an law’s Zeiten erinnern,4 und
die ihm zuerst den hals brechen dürften. mißtrauen und übelwollen der
großmächte, welche ihm mit jedem tage weniger trauen, trotz seiner frie-
densversicherungen und patte de velours, die nichts weniger als an die glo-
rie seines onkels erinnern, und als sein erster fiasco die verlobung der Prin-
zessin Wasa mit dem Prinz Albert von sachsen.5 im Allgemeinen hat man
dieser kaisercomödie außerordentlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt,
weder in noch außer frankreich.
1 das fest des ordens vom goldenen vlies (toison d’or) fand jeweils am sonntag nach dem
fest des Apostels Andreas (30. november) statt.
2 mit zwei kaiserlichen Patenten v. 29.11.1852 wurde das allgemeine bürgerliche gesetzbuch
in ungarn, kroatien und slawonien, der Woiwodschaft serbien und dem temeser Banat mit
1.5.1853 eingeführt und die speziellen regelungen der adeligen erbfolge in ungarn (Aviti-
zität) aufgehoben. die ehegerichtsbarkeit über katholische sowie unierte und nichtunierte
orthodoxe untertanen hatten jedoch ausdrücklich wie bisher die geistlichen gerichte.
3 nachdem in einer volksabstimmung am 20. und 21. november 7,8 mill. Wahlberechtigte
für die Wiedereinführung des kaisertums gestimmt hatten (bei 250.000 gegenstimmen
und 2 mill. enthaltungen), wurde louis napoleon am 2.12.1852 als napoleon iii. zum
kaiser der franzosen proklamiert.
4 die mit dem namen des Bankiers und Wirtschaftstheoretikers John law verbundene
Phase der französischen entwicklung, die in der schweren Wirtschaftskrise von 1720/21
endete.
5 im frühjahr und sommer 1852 war – bereits im hinblick auf die zu erwartende erneue-
rung des kaisertums und eine daher als notwendig erachtete standesgemäße heirat – eine
mögliche ehe louis napoleons mit der in österreich lebenden Prinzessin carola Wasa
erörtert worden. sie heiratete jedoch den sächsischen Prinzen (und seit 1873 könig) Albert.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien