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Tagebücher602
gabrielle ist mit ihrem hofe seit 5–8 tagen hier und dürfte noch ungefähr
ebensolange bleiben.
[Wien] 17. dezember
das wichtigste ereigniß ist die vorgestern erfolgte Abreise des kaisers nach
Berlin. da die Anerkennung louis napoléons noch nicht erfolgt ist, sondern
erst gegen ende dieses monats und zwar von oesterreich, Preußen und
rußland gemeinschaftlich geschehen soll, sowie aus mehreren anderen An-
zeichen scheint es also, daß diese Zusammenkunft eine Art von Pillnitzer
convention1 vorstellen soll, um so mehr als, wie man sagt, der kaiser von
rußland nach Warschau kommen und unser kaiser ihn auf dem rückwege
in gesellschaft des königs von Preußen besuchen soll. es ist dieser Besuch
allerdings ein triumph für Preußen, und mir scheint, wenn man früher
Preußen auf dem kraut fressen wollte, daß man jetzt in das entgegenge-
setzte extrem verfällt und sich mit dieser Berlinerreise etwas sehr beeilt
hat, ehe noch die differenzen zwischen uns und ihnen officiell ausgeglichen
sind, der that nach sind sie es freylich bereits, man schließt tant bien que
mal einen handelsvertrag, dessen Punktationen bereits hier und zwar im
größten geheimnisse (wie ich höre, woran bloß Buol, Werner und kübeck die
mitwisser, und correspondirten direkte mit Berlin) festgesetzt worden sind,
mit Preußen, welches auch im nahmen des steuervereines, Braunschweigs
und der thüringischen staaten stipulirt, und wird den 7 regierungen der
darmstädter coalition den Beytritt offen lassen,2 denen also nichts übrig
bleibt, als bon gré mal gré beyzutreten und den Zollverein zu reconstitui-
ren. diese, und ihre repraesentanten an der hiesigen, beynahe eingeschlafe-
nen, Zollconferenz sind daher in der Patsche sitzen geblieben und natürlich
wüthend. die folge dieses revirements in unserer Politik wird nun wohl
die seyn, den Ascendant Preußens in deutschland zu vergrößern, besonders
da man gleichzeitig den Bundestag in frankfurt, unsern einzigen Anhalt-
punct gegen den Zollverein, ganz zu vernachlässigen scheint. Auch hat er nie
eine so jämmerliche scheinexistenz gehabt wie jetzt, so daß man sogar von
dessen gänzlicher Auflassung spricht. die österreichisch gesinnten ministe-
rien, vonderPfordten & c. dürften nun bald stürzen, und die Zersplitterung
deutschlands ist ärger als im Jahre 1792, gerade da sich dieselben erschei-
nungen wiederholen.
1 das Bündnis von 1791 zwischen Preußen, österreich und sachsen gegen frankreich.
2 Als ergebnis von verhandlungen in darmstadt im April 1852 hatten die mittelstaaten
Bayern, Württemberg, sachsen, Baden, nassau und beide hessen beschlossen, im fall ei-
nes scheiterns der verhandlungen über eine erneuerung des Zollvereins eine eigene Zoll-
union zu bilden und mit österreich über ein Abkommen zu verhandeln.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien