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ankündigen werde, also auch noch eine insulte in der form, übrigens dürf-
ten ihnen da die fettesten Bissen entgehen: Breuner, der neulich bey mir
war, reist nächster tage nach italien, lamberg ist nicht hier, fritz deym ist
so krank, daß er noch lange nicht wird ausgehen können, und montecuccoli
ist todt, ich aber bin gewarnt.
das jetzige regiment bey hofe (nämlich kaiser und erzherzogin sophie,
obwohl auch zwischen diesen Beyden nichts weniger als kindliche Zärtlich-
keit herrscht) ist auch unter denen, welche sich gar nicht mit Politik be-
schäftigen, höchst unbeliebt, am allermeisten bey den älteren gliedern des
hauses und den älteren hofbeamten jeder categorie selbst, sie fühlen sich
zurückgesetzt und mißhandelt, und diese stimmung erstreckt sich allmälig
auf einen immer größeren theil der Aristokratie, so daß nach und nach als
hofpartey niemand übrig bleibt als einige wenige ganz bornirte schafsköpfe
und solche, deren Wuth und rachedurst für die im Jahre 1848 ausgestandene
Angst noch immer nicht gesättiget ist, zu den erstern rechne ich besonders
erzherzog Albrecht, zu den letzteren fast nur einige Weiber. das militär ist
höchst unzufrieden, wegen seiner pecuniär fast unerträglichen lage, durch
die vielen transferirungen, dislocirungen und Adjustirungsveränderungen,
dem gemeinen manne hat man durch das verboth, sich außer dienst, sogar
als statisten auf den theatern zu beschäftigen, jeden erwerb unmöglich ge-
macht, dazu der nepotismus und die rücksichtslosigkeit in Avancement,
Pensionirungen etc., der nie so arg war wie jetzt, endlich beginnt in dem,
täglich geringer werdenden, aristokratischen theile der Armée das angebo-
rene standesgefühl sich zu regen. daß die Beamten aller categorieen höchst
mißvergnügt sind, versteht sich von selbst, ich frage nun, was bleibt übrig?
die valuta war im raschen sinken bis auf 7% herabgegangen, gestern
hob sie sich wieder auf 9%, jedenfalls eine enorme Besserung, welche nicht
zu erwarten war und auch kaum genügend zu erklären ist als durch einen
panischen schrecken, welcher alle Besitzer von metallvorräthen ergriffen
hat, die namentlich aus den Provinzen ihre vorräthe zum verkaufe hieher
schicken, daß auch die regierung namentlich durch ihre im Auslande ge-
schlossenen silberanleihen einwirkt, ist sehr wahrscheinlich, ich bin nun
neugierig, ob nicht wieder eine nahmhafte reaction eintreten wird? mittler-
weilen dauert die geldnoth fort, und unsere industrie befindet sich in einer
crisis, welche vielleicht eine wohlthätige werden könnte, wenn sie nur ca-
pitalien zu ihrer disposition hätte, welche sie in den stand setzen würden,
den kampf mit dem Auslande zu bestehen. dafür aber geschieht nichts,
im gegentheile liegen bey der ungeschicklichkeit unserer administrativen
organisation millionen von Waisengeldern1 todt in den kassen, und die
1 die vermögensverwaltung der Waisenkassen erfolgte seit 1851 durch die staatsbehörden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien