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Tagebücher610
sperren die hiesigen correspondenten englischer Blätter ein etc., gerade so
wie es kommen muß, damit der Westen gegen den osten recht scharf ab-
geschieden hervortrete, nur mit dem unterschiede, daß dabey der Westen
die revolution in ganz europa und unter gewissen, sehr nahe liegenden,
eventualitäten auch Preußen für sich hat, ich glaube, die kugel ist aus dem
laufe, und der gedanke an eine umkehr jetzt schon verspätet.
neulich war ich beym erzherzog Johann, der einige tage hier war. er
machte seine Phrasen, sprach von seinen mémoiren und von der erziehung
seines sohnes, „er wolle dann, wenn dieser erwachsen seyn werde, sehen,
wie die Welt dann aussehen werde.“
den neujahrsabend war christbaum (!) bey henriette todesco,1 wo ich
eine masse hübscher Jüdinnen fand, unter andern frau spitzer, die frau
des hiesigen türkischen Botschaftsrathes.
[Wien] 16. Jänner
es ist ein merkwürdiger Winter, nach einem paar neblichten kalten tagen
trat anstatt des erwarteten schnees wieder ein ebenso schönes warmes Wet-
ter wie im december ein, und wir haben jetzt täglich 10 bis 12° r. Wärme. es
grünt und blüht sogar hier und da, schlechte ernteaussichten. dabey herr-
schen viele krankheiten, und auch mich plagen bald meine nerven, bald die
hämorrhoiden. dennoch aber freue ich mich über dieses Wetter, wenn ich
spatzieren gehen kann und die sonne sehe, bin ich zufrieden.
l. napoléon fängt schon an, die rauhe seite ziemlich merklich herauszu-
kehren, und hat namentlich uns das lange Zögern mit der Anerkennung (und
innerlich wohl noch mehr die Wasa’sche heirathsgeschichte2) sehr übel ge-
nommen. Alles was auf den umsturz des Bestehenden hofft, rechnet auf ihn.
Was mir aber am wahrscheinlichsten erscheint, daran scheint niemand
zu denken, nämlich an eine Allianz zwischen rußland und frankreich. mir
erscheint eine solche deßhalb als wahrscheinlich, weil sie, und sie allein,
beyden theilen die wesentlichsten vortheile gewährt. rußland deckt sich
den rücken und kann in der türkey den jetzigen so ganz außerordentlich
günstigen Augenblick benützen, l. napoléon dagegen kann sich ein Aequi-
valent nehmen, wie und wo er will.
Auch darüber habe ich meine ideen zu Papier gebracht, das befördert die
klarheit der gedanken, und mit dieser scheinbaren thätigkeit täusche ich
rer haltung“) überreichte schließlich auch der österreichische gesandte frh. Josef Alexan-
der v. hübner seine neue kreditive.
1 henriette todesco war mit dem jüdischen Bankier maximilian todesco verheiratet und
stammte aus der hamburger ebenfalls jüdischen Bankiersfamilie gumpel.
2 Zum gescheiterten heiratsprojekt zwischen napoleon iii. und Prinzessin carola Wasa vgl.
eintrag v. 9.12.1852.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien