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Jänner 1853
mich selbst und besänftige meine ungeduld, welche sich mit dieser gezwun-
genen unthätigkeit noch immer nicht ganz befreunden kann. Wäre der kai-
ser ein anderer mensch als er nach Allem, was ich höre und weiß, glauben
muß, reichten seine ideen über diesen beschränkten gesichtskreis hinaus,
hätte er ein interesse an irgend etwas, was nicht exerciren und Adjustiren
ist, hätte er nicht den grundsatz der eigensinnigen Beschränktheit: nie-
mand zu hören, niemandem ein Wort, einen rath zu gestatten, als seinen
officiellen räthen, und wäre ich ihm nicht so verdächtiget, so würde ich es
wahrscheinlich versucht haben, ihm meine Ansichten vorzulegen. Zudem ist
rechberg, der einzige, mit dem ich über dergleichen sprechen könnte, eben
krank.
unter diesen Praeoccupationen des Augenblickes ist mir die idee einer
Arbeit entschwunden, an welche ich früher gedacht hatte, nämlich die einer
Biographie tschernembls’ als der Personification einer aristokratisch ständi-
schen opposition gegen die übergriffe des despotismus. ich habe nicht ruhe
genug, um dergleichen auf lange hinaus berechnete Arbeiten zu unterneh-
men, überhaupt nicht, um ein guter historiker zu seyn.
das silberagio hält sich zwischen 8 und 10. die organisation ungarns ist
erschienen. das hauptmoment ist, wie ich höre, die Aufhebung der 5 mini-
sterialdistricte und die concentrirung der ganzen verwaltung wie vor 1848
in Pesth1 – ! – Wie hängt dieses mit der einheit der monarchie zusammen?
die leute haben doch in gar nichts consesquenz, verstand und geschick!
fritz deym, der längere Zeit krank war, sehe ich zuweilen, der mensch
läuft wieder nach seiner gewohnheit zu allen möglichen erzherzogen und
ministern und findet das „sehr interessant“! Bey Breuner, der gestern nach
italien abreiste, hatte ich neulich ein Abschiedsdiner.
marie taglioni die jüngere, von Berlin, ist jetzt hier und tanzt in einem
ganz charmanten Ballette satanella, alle Welt läuft hin. ich machte neulich
in einer großen soirée bey Pereira ihre Bekanntschaft, sonst habe ich vom
fasching bisher noch nichts mitgemacht, der Ball bey Westmoreland wurde
wegen unwohlseyn abgesagt.
[Wien] 21. Jänner
ich kann in einer gewissen Beziehung sagen, daß ich die geschicke von oe-
sterreich von meinem Zimmer aus lenke, denn so oft ich in einem momente,
der entschluß und that fordert, nach reiflichem nachdenken und überle-
1 die verordnung über die neuregelung der administrativen und gerichtlichen organisation
ungarns ist mit 19.1.1853 datiert, die kaiserliche genehmigung erhielten die Bestimmun-
gen am 10. Jänner. Andrians information über die Aufhebung der ministerialdistrikte,
nunmehr statthaltereiabteilungen, erwies sich als falsch, vgl. eintrag v. 21.1.1853.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien