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Tagebücher614
[Wien] 23. Jänner
heute gegen mittag ist fritz deym gestorben, nachdem er 24 stunden zuvor
versehen worden war, an der lungenentzündung. noch gestern früh hatte
ich keine Ahnung von gefahr. ich kann nicht läugnen, daß dieser tod auf
mich einen tiefen eindruck macht, noch so lebenslustig, so voll von ideen,
interesse und thätigkeit, es war eigentlich, trotz aller verschiedenheiten,
auch eine große Ähnlichkeit zwischen ihm und mir, so daß mir ist, als ob ein
stück meiner selbst abgestorben wäre. Wir zankten fast jedesmal, wenn wir
uns sahen, und ärgerten uns auch oft einer über den Anderen, wenigstens
bey mir, dem heftigeren, geschah dieses häufig, und doch suchten wir uns
auf und waren uns quasi zum Bedürfnisse geworden. noch das letztemahl,
als ich ihn sah, freytag den 14. dieses monats, war dieses der fall.
ich regrettire ihn sehr, doch werden dieß außer mir nur Wenige thun,
denn er hatte wenig freunde, obwohl er im grunde ein guter, edler mensch
war, aber er war ein rabulist und hatte die leidenschaft des Widerspre-
chens.
ich selbst bin seit gestern Abends unwohl, hatte ein gelindes fieber, es ist
wohl der Anfang einer grippe. Auch haben wir seit gestern nachmittag den
ersten schnee in diesem Winter, ein schneegestöber, welches nun seit mehr
als 24 stunden dauert, da es dabey ziemlich warm ist, so ist der koth auf den
straßen grundlos.
fml leiningen (ein ganz gewöhnlicher österreichischer troupier, sowie
ich ihn beurtheile) ist in außerordentlicher mission nach constantinopel,
wahrscheinlich um unsere, von rußland uns dictirten, forderungen zu gun-
sten der montenegriner und sonstigen christen zu überbringen. das corps
des Banus soll schon in Bosnien eingerückt seyn. die ganze sache wird sehr
geheim gehalten, und mit recht, denn Alles kömmt hier auf Zeitgewinn und
darauf an, daß die engländer uns nicht zuvorkommen. diese stehen bey
corfu, während ein paar österreichische nußschaalen unter erzherzog max
vor cattaro liegen. unsere Zeitungen ereifern sich auf einmahl voll tugend-
hafter entrüstung über die angeblichen christenverfolgungen durch die
türken und fließen von humanität und mitleiden über.
die ganze geschichte ist mir ekelhaft, ich begreife es, daß man einem
grandiosen despoten sein recht und seine freyheit aufopfert und in dem
glanze, der auf das land und das volk zurückstrahlt, eine entschädigung
findet (wie frankreich unter napoléon), aber sich von einem hanswurste
mit füßen treten lassen zu müssen, das ist unerträglich. Auf diesem Wege
wird die einheit oesterreichs nicht gegründet werden.
louis napoléon heirathet mlle de montijo, die geilheit hat ihm hier eine
nase gedreht, es soll in Paris einen sehr übeln eindruck machen, und viele
sehen es als den Anfang seines sturzes an – schon! ich bemerke das schon
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien