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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 614 -
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Tagebücher614 [Wien] 23. Jänner heute gegen mittag ist fritz deym gestorben, nachdem er 24 stunden zuvor versehen worden war, an der lungenentzündung. noch gestern früh hatte ich keine Ahnung von gefahr. ich kann nicht läugnen, daß dieser tod auf mich einen tiefen eindruck macht, noch so lebenslustig, so voll von ideen, interesse und thätigkeit, es war eigentlich, trotz aller verschiedenheiten, auch eine große Ähnlichkeit zwischen ihm und mir, so daß mir ist, als ob ein stück meiner selbst abgestorben wäre. Wir zankten fast jedesmal, wenn wir uns sahen, und ärgerten uns auch oft einer über den Anderen, wenigstens bey mir, dem heftigeren, geschah dieses häufig, und doch suchten wir uns auf und waren uns quasi zum Bedürfnisse geworden. noch das letztemahl, als ich ihn sah, freytag den 14. dieses monats, war dieses der fall. ich regrettire ihn sehr, doch werden dieß außer mir nur Wenige thun, denn er hatte wenig freunde, obwohl er im grunde ein guter, edler mensch war, aber er war ein rabulist und hatte die leidenschaft des Widerspre- chens. ich selbst bin seit gestern Abends unwohl, hatte ein gelindes fieber, es ist wohl der Anfang einer grippe. Auch haben wir seit gestern nachmittag den ersten schnee in diesem Winter, ein schneegestöber, welches nun seit mehr als 24 stunden dauert, da es dabey ziemlich warm ist, so ist der koth auf den straßen grundlos. fml leiningen (ein ganz gewöhnlicher österreichischer troupier, sowie ich ihn beurtheile) ist in außerordentlicher mission nach constantinopel, wahrscheinlich um unsere, von rußland uns dictirten, forderungen zu gun- sten der montenegriner und sonstigen christen zu überbringen. das corps des Banus soll schon in Bosnien eingerückt seyn. die ganze sache wird sehr geheim gehalten, und mit recht, denn Alles kömmt hier auf Zeitgewinn und darauf an, daß die engländer uns nicht zuvorkommen. diese stehen bey corfu, während ein paar österreichische nußschaalen unter erzherzog max vor cattaro liegen. unsere Zeitungen ereifern sich auf einmahl voll tugend- hafter entrüstung über die angeblichen christenverfolgungen durch die türken und fließen von humanität und mitleiden über. die ganze geschichte ist mir ekelhaft, ich begreife es, daß man einem grandiosen despoten sein recht und seine freyheit aufopfert und in dem glanze, der auf das land und das volk zurückstrahlt, eine entschädigung findet (wie frankreich unter napoléon), aber sich von einem hanswurste mit füßen treten lassen zu müssen, das ist unerträglich. Auf diesem Wege wird die einheit oesterreichs nicht gegründet werden. louis napoléon heirathet mlle de montijo, die geilheit hat ihm hier eine nase gedreht, es soll in Paris einen sehr übeln eindruck machen, und viele sehen es als den Anfang seines sturzes an – schon! ich bemerke das schon
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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