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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 616 -
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Tagebücher616 neulich auf einem Balle bey Julie Biedermann, zu dem ich geladen war und auf eine stunde hinging, und gestern wieder bey todesco sah ich elise Biedermann, welche wirklich eine ganz ausgezeichnete, ebenso geistreiche und interessante als schöne frau ist. ich besuchte neulich fritz deym’s Witwe, sie erzählte mir viele détails über seinen tod, den er bey vollem Bewußtseyn durch 3 tage erwartete, und noch am tage vorher Besuch annahm und sich mit größter theilnahme aus den Zeitungen etc. vorlesen ließ. ich bereue es, dieses nicht gewußt zu ha- ben, ich wäre gerne bey dem erlöschen dieses so reichen, so regen, so theil- nahmsvollen und mir trotz aller verschiedenheiten so homogenen geistes zugegen gewesen. er hat eine lücke zurückgelassen. Besonders in dieser Zeit und in der klasse, der er angehörte und wo seinesgleichen nicht häufig sind. die resignation, mit der er sein todesurtheil aufnahm, frappirte mich, weil ich sie nicht begreife, ich würde, glaube ich, in solchem falle wie ein unterliegender kämpfer unwillig und lärmend aus der Welt gehen, vielleicht aber bricht die nähe des todes die kraft des gemüthes und das gefühl der Bitterkeit, unverrichteter oder halb verrichteter dinge abtreten zu müssen. ich hoffe zu leben, und will leben, bis mein tagewerk gethan ist. etwas habe ich gethan, unnütz, verloren ist mein leben selbst dann, wenn es heute ab- geschlossen würde, nicht gewesen, ich habe samen gestreut und bin als ein gedenkzeichen künftiger tage unter den gedankenlosen herumgegangen, und ich begegne nicht selten den spuren meiner tritte, aber deßwegen habe ich lange noch nicht meine Aufgabe erfüllt. das Jahr 1848 hat, wie ich nicht mehr läugne, mich unvorbereitet und im schlafrocke gefunden, je n’ai pas été à la hauteur des événemens et de ma position, ob ich, wenn ich es gewe- sen wäre, mehr hätte leisten können? ist eine andere frage, ich glaube nein, sondern ich wäre vielleicht untergegangen, also war es vielleicht eine provi- dentielle unreife, mich sollten die ereignisse für spätere Zeiten reifen, und ich denke, sie haben es gethan, besonders dieses geistige 4jährige märty- rerthum. mich hat das schicksal in ein ganz besonders ungünstiges terrain gesetzt, sowohl durch das land, in dem, als die klasse, in der ich geboren wurde, und oft scheint mir meine Aufgabe und der Ausgang dunkel, zweifel- haft, vielleicht liegt auch hierin eine fügung, denn aus solchen labyrinthen führt nur leidenschaft, diese aber hat sich seit den letzten Jahren in mir condensirt und vieles Andere, allerdings edle, aber auch unpraktische, er- stickt. die männer à l’eau de rose verschwinden nach und nach und müssen verschwinden, und ein solcher war fritz deym. in montenegro geht der kampf langsam, aber für die türken günstig, vorwärts, an der bosnischen grenze steht unser Beobachtungskorps, und man schiebt dahin und gegen triest truppen nach, um im falle einer ab- schlägigen Beantwortung der durch leiningen überbrachten forderungen
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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