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Tagebücher616
neulich auf einem Balle bey Julie Biedermann, zu dem ich geladen war
und auf eine stunde hinging, und gestern wieder bey todesco sah ich elise
Biedermann, welche wirklich eine ganz ausgezeichnete, ebenso geistreiche
und interessante als schöne frau ist.
ich besuchte neulich fritz deym’s Witwe, sie erzählte mir viele détails
über seinen tod, den er bey vollem Bewußtseyn durch 3 tage erwartete, und
noch am tage vorher Besuch annahm und sich mit größter theilnahme aus
den Zeitungen etc. vorlesen ließ. ich bereue es, dieses nicht gewußt zu ha-
ben, ich wäre gerne bey dem erlöschen dieses so reichen, so regen, so theil-
nahmsvollen und mir trotz aller verschiedenheiten so homogenen geistes
zugegen gewesen. er hat eine lücke zurückgelassen. Besonders in dieser
Zeit und in der klasse, der er angehörte und wo seinesgleichen nicht häufig
sind. die resignation, mit der er sein todesurtheil aufnahm, frappirte mich,
weil ich sie nicht begreife, ich würde, glaube ich, in solchem falle wie ein
unterliegender kämpfer unwillig und lärmend aus der Welt gehen, vielleicht
aber bricht die nähe des todes die kraft des gemüthes und das gefühl der
Bitterkeit, unverrichteter oder halb verrichteter dinge abtreten zu müssen.
ich hoffe zu leben, und will leben, bis mein tagewerk gethan ist. etwas habe
ich gethan, unnütz, verloren ist mein leben selbst dann, wenn es heute ab-
geschlossen würde, nicht gewesen, ich habe samen gestreut und bin als ein
gedenkzeichen künftiger tage unter den gedankenlosen herumgegangen,
und ich begegne nicht selten den spuren meiner tritte, aber deßwegen habe
ich lange noch nicht meine Aufgabe erfüllt. das Jahr 1848 hat, wie ich nicht
mehr läugne, mich unvorbereitet und im schlafrocke gefunden, je n’ai pas
été à la hauteur des événemens et de ma position, ob ich, wenn ich es gewe-
sen wäre, mehr hätte leisten können? ist eine andere frage, ich glaube nein,
sondern ich wäre vielleicht untergegangen, also war es vielleicht eine provi-
dentielle unreife, mich sollten die ereignisse für spätere Zeiten reifen, und
ich denke, sie haben es gethan, besonders dieses geistige 4jährige märty-
rerthum. mich hat das schicksal in ein ganz besonders ungünstiges terrain
gesetzt, sowohl durch das land, in dem, als die klasse, in der ich geboren
wurde, und oft scheint mir meine Aufgabe und der Ausgang dunkel, zweifel-
haft, vielleicht liegt auch hierin eine fügung, denn aus solchen labyrinthen
führt nur leidenschaft, diese aber hat sich seit den letzten Jahren in mir
condensirt und vieles Andere, allerdings edle, aber auch unpraktische, er-
stickt. die männer à l’eau de rose verschwinden nach und nach und müssen
verschwinden, und ein solcher war fritz deym.
in montenegro geht der kampf langsam, aber für die türken günstig,
vorwärts, an der bosnischen grenze steht unser Beobachtungskorps, und
man schiebt dahin und gegen triest truppen nach, um im falle einer ab-
schlägigen Beantwortung der durch leiningen überbrachten forderungen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien