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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 618 -
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Tagebücher618 ich absichtlich nirgends visiten gemacht habe. einige öffentliche Bälle, z.B. den slavenball etc. habe ich besucht, eigentlich mehr um mir das Wiener Publikum seit mehreren Jahren wieder einmahl zu betrachten, und habe gefunden, daß es weniger heiter und zugleich, wie mir scheint, weniger wohl- habend und verschwenderisch geworden ist, den nämlichen eindruck haben mir alle maskirten Redouten dieses Faschings gemacht; sie waren alle sehr leer und ziemlich langweilig, obwohl ich für meinen theil mich nicht bekla- gen konnte, es tauchten mir da Bekannte und unbekannte aus allen orten und allen epochen meines lebens auf. marie m[eixner] sehe ich sehr viel, sie kömmt sehr oft zu mir, neulich waren wir der neugierde halber auf einem öffentlichen Balle außerhalb der linien Wiens, es interessirt mich, die verschiedenen schichten der Bevöl- kerung zu beobachten. doch findet man (wenigstens insoweit ich darüber urtheilen kann) wenig tröstliches, wenig Bildung und entsetzlich viel ober- flächlichkeit in jeder hinsicht. das Wetter bleibt dasselbe, warmer nebel, unterbrochen durch regen, manchmal ein stinkender scirocco wie in venedig. ich habe vor einigen Wochen die Befürchtung einer Allianz zwischen frankreich und rußland ausgesprochen, der Anschein ist momentan aller- dings nicht dafür, vielmehr neckt und häkelt rußland mit dem neuen kaiser mehr als irgend eine andere macht, und die monarchisch dynastischen legi- timen donQuixote ideen scheinen beym kaiser nikolaus die klare Würdi- gung seiner interessen zu verhindern, dennoch fürchte ich noch immer das- selbe, weil der vortheil auf beyden seiten zu evident ist, freylich muß man bey solchen Berechnungen die persönliche leidenschaft und Beschränktheit nicht aus dem spiele lassen. so eben hört man von einem ziemlich bedeutenden krawalle und An- griffe auf die hauptwache, welcher am 6. in mailand stattgefunden hat.1 das macht einen sehr übeln eindruck. ich sehe in diesem tollen streiche die hand der emigration und einen vielleicht nicht übel berechneten versuch, uns mit louis napoléon in differenzen zu bringen. [Wien] 11. februar ich habe so eben zufällig das überlesen, was ich vor 10 monathen, unmittel- bar nach felix schwarzenberg’s tode, in diesem tagebuche niederschrieb.2 damals glaubte ich an eine, wenn auch nicht augenblickliche Änderung des regierungssystemes, befürchtete einen sieg der Altconservativen und sepa- 1 Als reaktion auf diesen Aufstand wurden bereits am 9. februar sieben Beteiligte, in den folgenden tagen weitere neun, standrechtlich hingerichtet. 2 vgl. einträge v. 5. und 12.4.1852.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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