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rungen an das Jahr 1848 wieder aufgefrischt haben (obwol sich dießmal
durchaus keine spur von englischer unterstützung zeigt), tragen natürlich
schuld daran. heute aber, freylich in der ersten hitze der Aufregung, habe
ich Äußerungen gehört, die alles maaß und alle vernunft übersteigen. man
bringt Alles was geschieht mit Palmerstons Wiedereintritt in verbindung.
lord Westmorelands stellung ist wirklich keine beneidenswerthe, und die
rückkehr zu einer vernünftigen Politik, welche dann doch allein in einer Al-
lianz mit england liegt, wird immer schwerer, wo nicht geradezu unmöglich.
ich hoffe übrigens für die ehre der englischen regierung, daß sie von dem
eben versammelten Parlamente vollmachten verlangen wird, um diesem
schmachvollen offenen treiben der emigration ein ende zu machen.
die nachrichten aus mailand zeigen, daß das complott weit ausgedehn-
ter war als man Anfangs glaubte, und daß unsere Polizey noch immer so
schlecht bestellt ist wie vor 1848. Alle Welt wußte es, nur die Behörden
nicht, oder glaubten nicht daran. Auch sagt man, daß sowol gyulai (der eben
auf urlaub war) als beyde Brüder strasoldo, der eine civil-, der Andere inte-
rims militaircommandant von mailand, pensionirt werden sollen, ebenso der
neue Polizeydirector oberst françois. schlick ist nach mailand, angeblich in
familienangelegenheiten, Andere sagen, um gyulai zu ersetzen. man hat
bisher ein dutzend gehängt und fulminante dekrete erlassen, in denen man
meines erachtens zuwenig unterschied gemacht hat zwischen den Aufrüh-
rern und der friedlichen Bevölkerung, welche (wie man selbst officiell einge-
steht) nicht nur keinen Antheil nahm, sondern aufs höchste empört ist. Am
13. und seitdem sollen übrigens abermals einzelne mordthaten vorgefallen
seyn. es gährt überall auf eine mysteriöse Weise, ich sage mysteriös, weil
soweit wir die lage der dinge kennen, die leiter jetzt unmöglich auf einen
positiven erfolg rechnen können.
Auch in der türkey sieht es kunterbunt aus. leiningen wird hingehalten
und, wie es scheint, bey der nase herumgezogen, während omer Pascha
seine durch etwa 14 tage sistirten feindseligkeiten gegen die montenegriner
wieder aufgenommen hat. unsere truppenmärsche dauern fort, jetzt sollen,
wie ich höre, 60–70.000 mann in croatien und dalmatien vereiniget seyn, die
vor der hand an Allem mangel leiden und in dem armen lande auch schwer
zu verpflegen etc. seyn werden. An einen türkenkrieg glaubt niemand, ich
auch nicht, doch wird uns diese demonstration, die monathe lange dauern
kann, viel geld und menschen kosten und uns keine ehre eintragen. mit
frankreich möchten wir jetzt wieder gerne gut freund seyn und cajoliren den
neuen kaiser aus leibeskräften, das ist ein ewiges Auf- und Abschwanken.
Wir hatten vor einigen tagen etwas weniges schnee, der aber seitdem fast
ganz wieder verschwunden ist, dagegen fällt jetzt seit einigen stunden dich-
ter schnee.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien