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März 1853
und im herbste gehe ich dann ganz bestimmt in den orient, i.e. egypten,
immer vorausgesetzt, daß nichts vorfällt. so vergeht ein Jahr nach dem An-
dern, und ich sitze am ufer und warte auf den Wind, mit einer Zuversicht,
die mich glauben macht, ich sey einer der Praedestinirten. Zweifel tauchen
wohl manchmal auf, doch gehen sie vorüber.
der kaiser ist schon, bis auf eine schwäche des linken Auges, ganz wohl,
ist schon viel im freyen, im garten, hat aber seinen ersten Ausgang noch
nicht gehalten, dieser soll besonders festlich werden, man bereitet trans-
parente, fahnen etc., was ihm Alles, wie überhaupt jede Art von feyerlich-
keit, in der seele zuwider ist. es ist jetzt eine besonders günstige Zeit für
alle speichellecker und schwanzwedler, und sie benützen sie denn auch auf
das emsigste, es ist bald keine gemeinde und keine corporation mehr in
der monarchie, die nicht ihre deputation hergeschickt hat, welche sich hier
auf kosten ihrer committenten wohl geschehen läßt. dieses treiben dauert
noch immer fort, und es verliert dadurch die sache jeden Werth, indem der
Welt recht klar gezeigt wird, wie wenig spontaneität und wirkliche theil-
nahme hinter Allem dem steckt. stiftungen, spenden, tedeums, schlechte
Broschüren und gedichte ohne Zahl. erzherzog ferdinand max, der wieder
abgereist ist, hat seine Anwesenheit durch einen recht gut geschriebenen
Aufruf bezeichnet, worin er zur erbauung einer gothischen kirche in Wien
auffordert, welche die erinnerung an den 18. februar verewigen soll,1 seit-
dem fließen die gaben sehr reichlich, voran die Aristokratie, welche, das
muß man ihr lassen, mit geld nie kargt. Wäre sie nicht, gerade in der ein-
sicht ihrer wahren Pflichten und standesinteressen, so ganz auf falscher
fährte, so wäre es noch immer die classe, mit welcher sich am meisten ma-
chen ließe. unglücklicherweise kömmt jetzt noch, und zwar wieder aus jener
falschen Ansicht, eine gewisse Abneigung, mißtrauen oder schadenfreude
gegen ihre ungarischen standesgenossen hinzu, welche sie, wenn sie fünf
sinne hätten, vielmehr unterstützen und ihnen nachahmen sollten. frey-
lich ist auch die hier lebende Aristocratie (von der ich spreche) der dümmste
theil derselben, in den Provinzen sieht es wohl zum theile anders aus.
von den türkischen Angelegenheiten hört man bisher nur so viel, daß die
feindseligkeiten gegen montenegro eingestellt seyn sollen, ich wünsche nur,
daß uns in der endlichen Bestimmung der künftigen stellung dieses raub-
nestes nicht rußland, welches unseren moralischen erfolg in constantino-
pel ohnehin nicht mit vergnügen ansehen wird, den rang ablaufen möge.
die türkischen offiziere, welche österreichische flüchtlinge sind, werden
1 der grundstein zur neugotischen Wiener votivkirche wurde am 24.4.1856 gelegt, am
24.4.1879, dem silbernen hochzeitstag des kaiserpaares, erfolgte die einweihung der kir-
che.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien