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Tagebücher634
die loyalitätsdemonstrationen aus Anlaß des Attentates dauern noch
immer fort. Adressen und deputationen folgen sich auf dem fuße, und es
wird noch lange dauern, bis jeder Bezirk, jede gemeinde und jeder verein
in der monarchie ihr vaterunser heruntergeleyert haben wird, ein Werth
ist auf alles dieses officiellgewordene geplärre nicht zu legen. mittlerwei-
len richtet sich Alles wieder in sein altes geleise, wie vor dem 18. februar,
behaglich ein. die militärscommissionen prügeln, hängen und erschießen,
die räuberbanden in ungarn mehren sich, verschwörungen werden ent-
deckt, die minister arbeiten an organisirungsprojekten, die reichsräthe
gehen spatzieren, ein sehr behaglicher Zustand für commissionen, räuber,
minister und reichsräthe, an die lehren, welche der 18. februar gegeben
hat, an die vortheile, welche man aus jenen ereignissen ziehen konnte,
wird auch im traume nicht gedacht. natürlich können unter diesen ver-
hältnissen weder die materiellen Zustände noch die staatsfinanzen bes-
ser werden. und doch könnte darin die heilung des ganzen liegen. eine
große resignation (wenn auch nicht Apathie) hat sich der leute in Bezug
auf politische dinge bemächtiget, seitdem man sich überzeugt hat, daß der
kaiser an der absoluten macht, welche er stillschweigend an sich gerissen,
festhalten und selbst die schwachen institutionen nicht geben will, die er
durch das Patent vom 31. december 1851 verheißen hat, und daß er ande-
rerseits nicht der mann ist, sich etwas abdingen oder abnöthigen zu lassen,
seitdem haben die leute alle ihre politischen Wünsche, welche sie nur um
den Preis einer blutigen revolution erreichen könnten, vertagt, und möch-
ten vor der hand nichts als materiellen Wohlstand, luft für unterneh-
mungen und individuelle thätigkeit und schutz vor den täglich überhand
nehmenden kleinen vexationen aller Art durch die Behörden. Aber selbst
diesen Wunsch will oder versteht man nicht zu erfüllen, als hätte man die
Absicht, ihnen durch practische Anschauung klar zu machen, daß der Ab-
solutismus jede geordnete, vernünftige und materiell gute verwaltung aus-
schließt.
Was mich betrifft, so habe ich geduld und ergebung in meine mir von den
umständen auferlegte unthätigkeit nie nothwendiger gehabt als jetzt, and
i must sometimes struggle very hard sie nicht zu verlieren, was am emp-
findlichsten ist, ist, daß sich die freunde, Anhänger und genossen nach
und nach zurückziehen, und man am ende so isolirt und verlassen da steht
wie am Anfange aller tage, der eine stirbt, der Andere zieht sich in sein
haus zurück wie eine schnecke, wieder Andere überwältigt ekel, überdruß,
gleichgültigkeit und Abstumpfung, wohl gar eine übelverstandene reue.
louis napoléon nähert sich immer entschiedener england, daher wird
seine entente cordiale mit uns, die wir noch immer an der Anglophobie lei-
den, einen starken stoß erleiden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien