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Rußland vor der Hand und officiell nichts weiter verlangt als den Status
quo am heiligen grabe zu Jerusalem, so ist das ein willkommener vorwand,
um sich zurückzuziehen. der moralische effect, den rußland beabsichtigte,
ist erreicht, und die leute fangen in europa an, sich mit der idee zu be-
freunden, daß die türkey zerfallen und constantinopel an rußland fallen
müsse. lord stratford ist auf dem Wege dahin hier durchgekommen und
hat vorgestern eine zweystündige Audienz beym kaiser gehabt. daß man
in england so gar keine thatkraft mehr besitzt, ist ein großes unglück, na-
mentlich in Bezug auf jene frage, denn wir sind noch zu sehr von rußland
abhängig, um ihm entschieden in den Weg zu treten, und außer uns beyden
hat niemand ein interesse daran.
der sequester, welcher auf die lombardischen emigrantengüter in folge
des mailänderattentates vom 6. februar gelegt worden ist, erregt in eu-
ropa viel sensation. Piemont und england haben remonstrirt, ebenso ist
auch die sache mit tessin und der schweiz nicht ausgeglichen, so sehr ich
beyde maßregeln, die erstere wenigstens insoferne als sich eine mitschuld
erweisen läßt, billige, so ist doch nicht zu läugnen, daß unsere regierung
sich in italien wieder sehr ungeschickt benommen hat. Anfangs sagt sie,
die ganze Bevölkerung habe sich an dem Attentate nicht nur nicht bethei-
liget, sondern mit entrüstung davon abgewendet, und dann ergreift sie
draconische maaßregeln, welche Alle und Jeden treffen, das discreditirt im
Auslande und erbittert die gut- oder gleichgültiggesinnten. in mantua ist
der große hochverrathsprozeß auf kaiserlichen Befehl niedergeschlagen
worden, nachdem die häupter hingerichtet oder sonst verurtheilt worden
sind.1 unser verhältniß scheint in folge alles dessen zu england nicht bes-
ser und selbst zu frankreich gespannt zu werden, jetzt scheint auch ruß-
land ein faux frére zu werden.
franz Wimpffen, welcher ein paar tage hier war, hat mir angetragen, auf
dem kriegsschiffe, welches Bruck nach constantinopel bringen wird, die
reise mitzumachen, im ersten Augenblicke lehnte ich ab, da ich die reise
im herbste zu machen gedenke, bey einiger überlegung jedoch erschien
mir die sache sehr annehmbar, aus verschiedenen gründen, es kömmt nur
darauf an, ob Bruck einwilligt, und darum will ich ihn nun ganz einfach fra-
gen, sobald er zurückkehrt, er ist nämlich über die feyertage nach triest
gegangen.
1 es handelte sich um die Prozesse gegen den revolutionären Befreiungsausschuss von
mantua, dessen gründer don enrico tazzòli am 7.12.1852 gemeinsam mit vier weiteren
führenden Mitgliedern in der Festung Belfiore hingerichtet wurde. In der Geschichte des
risorgimento sind sie zusammen mit weiteren dort hingerichteten als die „märtyrer von
Belfiore“ bekannt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien