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soll sich zurückziehen, ebenso seine untergouverneure wenigstens in der
lombardie, ihre nachfolger werden im sinne noch größerer härte gewählt
werden. hier schraubt sich nach und nach Alles, regis ad exemplum, zu
einem immer höheren diapason der leidenschaft hinauf.
Der spiritus familiaris Bach soufflirt, und mit ihm oder durch ihn die
ultramontanen, deren macht im steigen ist. rauscher ist erzbischof von
Wien, der erzbischof von olmütz ist gestorben, und so wird die ganze hohe
Prälatur der monarchie bald in ultramontanen händen seyn.1 der nun-
tius Viale Prelà hat vortrefflich manipulirt, Concordat und Ehegesetz sind
nächstens zu erwarten. der kaiser, der selbst nichts auf religion hält,
glaubt darin ein Werkzeug des despotismus zu gewinnen. Wenn er aber
auf frankreich blicken wollte, wo die ultramontanen gerade jetzt das maul
sehr voll nehmen, so würde er sehen, daß er sich in ihre Abhängigkeit be-
gibt, und daß mit dieser Parthey kein Abkommen zu treffen ist, daß sie nie
zu befriedigen ist und nur immer mehr und mehr verlangt. Zum glücke ist
weder unser volk noch unsere niedere geistlichkeit dazu geeignet, in jenes
horn zu blasen, und auch in dem hohen clerus dürfte jene Parthey mehr
gegner als Anhänger zählen. sind einmahl die Bischöfe von der staatsge-
walt emancipirt, so werden sie sich auch von rom zu emancipiren trachten.
neulich wohnte ich einer ganz interessanten vorlesung des Prof. Philipps
über altenglische geschichte in einer sitzung der Academie der Wissenschaf-
ten bey. ob die leute in ihrer frevelhaften dummheit auch an diese letzte
errungenschaft, das geistige leben, hand anlegen werden? ich fürchte es.
in diesen letzten Wochen hat mich die neue Phase, in welche mein ver-
hältniß zu m[arie] m[eixner] getreten ist, ziemlich praeoccupirt, überhaupt
habe ich in ihr beynahe in jeder hinsicht viel mehr gefunden als ich er-
wartete. glücklicherweise löst sich die jetzige verwickelung auf die beste
und einfachste Weise von selbst, wenn auch ihre leidenschaft jetzt noch
momentane sprünge macht.2
[Wien] 20. April
samstag den 10. fuhr ich um 1/2 3 nach Presburg, wo ich wegen eines Auf-
enthaltes in neudorf, wo der damm wegen regen und gewässern abge-
1 der ehemalige religionslehrer kaiser franz Josephs und bisherige fürstbischof von
seckau, Josef othmar v. rauscher, wurde als nachfolger des am 14.3.1853 verstorbenen
vinzenz eduard milde fürsterzbischof von Wien. Auf dem olmützer stuhl folgte landgraf
friedrich fürstenberg dem am 31.3.1853 verstorbenen freiherr maximilian Josef som-
merau-Beeckh.
2 Andrian scheint hier auf die geplante heirat seiner geliebten hinzuweisen. Jedenfalls
schreibt er am 16.6.1854, sie habe sich „durch die ehe in mancher Beziehung zu ihrem
vortheile verändert,“ leider sei jedoch ihr sohn gestorben.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien