Seite - 643 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 643 -
Text der Seite - 643 -
64320.
April 1853
seit ich Wien verließ, ist revel abgereist, auf urlaub, jedoch mit einer
Art von eclat, die sequestration der güter der lombardischen emigranten
macht viel böses Blut, england und frankreich nehmen ziemlich heftig für
Piemont Parthey, hier ist man wie gewöhnlich leidenschaftlich und stu-
pid, hätte man die sache, wie der einfachste menschenverstand vorschrieb,
gleich nach erfolgter sequestration den ordentlichen gerichten deferirt, so
hätte der ganze Spectakel nicht stattfinden können, und wollte die Regie-
rung nicht nur recht über die ruhestörer ergehen lassen, sondern auch
noch ihrer gift und ihre rachsucht befriedigen, so hätte sie mit ein Bischen
macchiavellismus auch dieses von den gerichten am allerleichtesten er-
langt. Aber so ist es in Allem: die kerle sind ebenso dumm als schlecht. nun
soll eine große commission dahin gehen, rechberg an der spitze, die soll
negociiren, purificiren, organisiren, confisciren und weiß Gott was Alles.
Bruck ist noch nicht hier, und ich warte auf seine Ankunft, um über den
bewußten gegenstand mit ihm zu sprechen.1
Zwey nachrichten sind gerade eingetroffen, welche die leute beschäfti-
gen. die eine ist von constantinopel, wo am 12. ernsthafte unruhen ausge-
brochen seyn sollen, man befürchtete ein christenmassacre, doch hatte die
regierung ernstliche Anstalten getroffen. dergleichen Ausbrüche können
die crisis nur beschleunigen, obwohl ich für den Augenblick an keine cri-
sis glaube. die andere nachricht betrifft eine Beschlagnahme von Waffen
und kriegsmaterialien in london, und zwar auf lord Palmerstons Befehl,
welche man, und die times voran, mit kossuth in verbindung brachte,
doch scheint sich nach den seitherigen nachrichten diese verbindung nicht
recht nachweisen zu lassen, so daß die ganze geschichte eine Blamage zu
werden droht, welche dann hier nicht verfehlen wird, die unvernünftige
Wuth gegen england noch zu steigern.
Das Memorandum des Grafen Solar biethet neben dem stofflichen noch
das persönliche interesse, welche sich an einen characterfesten, überzeu-
gungstreuen ehrenmann (tout d’une pièce) knüpft, wenn man auch die
meisten seiner Ansichten nicht theilen kann. unter andern dingen geht
aber aus demselben ganz unwiderleglich hervor, daß die englische regie-
rung und namentlich lord Palmerston im Jahre 1847 eine veränderung in
den territorialverhältnissen italiens nicht nur nicht beabsichtigte, sondern
ganz entschieden dagegen protestirte, wenn sie auch politische reformen
begünstigte, und daß lord mintos reise hauptsächlich diesen Zweck hatte.
segretario di stato per gli affari esteri del re carlo Alberto dal 7 febbraio 1835 al 7 ottobre
1847 (turin 1851).
1 die von graf franz Wimpffen angedeutete möglichkeit, mit dem zum internuntius ernann-
ten frh. karl ludwig v. Bruck nach konstantinopel zu reisen, vgl. eintrag v. 28.3.1853.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien