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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 646 -
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Tagebücher646 abgesehen davon, daß er gerade in Administrationssachen gar nichts ver- steht und in allen anderen nichts zu sagen hat. villers ist als sächsischer legationssecretär hieher versetzt worden. [Wien] 12. may seit dem 1. dieses monats ist es mit einem mahle frühling und fast ohne al- len übergang sommer geworden, die vegetation hat sich mit einer schnel- ligkeit entwickelt, wie ich dieß früher nie gesehen, und ist jetzt schon fast vollständig sommerlich, wir haben zwar manchen regnerischen und neulich sogar einen recht kalten tag gehabt, dagegen aber wieder viel scirocco und hitze bis zu 20° r. der Prater ist sehr brillant, wenn auch gegen frühere Zeiten ein bedeu- tender Abstand besonders in der Qualität und dem glanze einzelner zu sehen ist. dagegen ist die Quantität namentlich der lohnfuhrwerke aller Art gestiegen, welche letztere überhaupt in unglaublicher Weise überhand nehmen. die Population steigt, während der Wohlstand abnimmt, und den- noch nehmen dabey geschäft und verkehr zu, indem durch das allmälige heranwachsen der Provinzen, durch eisenbahnen und dampfschiffe, ja auch durch die immer straffere centralisation Wien immer mehr der cen- tralpunkt der monarchie wird. eine theilweise stadterweiterung, welche unter diesen umständen und bey den ins lächerliche steigenden hausmiethen ein wahres Bedürfniß ist, ist endlich beschlossen, und zwar längs der Alservorstadt und rossau, leider, wie Alles, wieder nur eine halbe stückweise maßregel, so daß von großartigen Plänen und Bauten keine rede seyn kann. ich nehme an die- sen dingen ein lebhaftes interesse und wüßte mir überhaupt, wenn und solange ich den großen dingen fern bleiben soll und will, keine liebere stel- lung als die eines Bürgermeisters von Wien mit der stellung und dem Wir- kungskreise eines préfet de Paris, wenn ein solcher unter unsern jetzigen mesquinen und korporalstocksverhältnissen möglich wäre. diese frage hat übrigens eben jetzt für mich leider noch ein unmittel- bar praktisches interesse, indem mir zu meinem großen verdrusse meine seit 8 Jahren innegehabte Wohnung von michaeli an gekündiget worden ist. trotz alles suchens ist es sehr die frage, ob ich eine entsprechende Wohnung finden werde, und ich gehe mit mir zu Rathe, ob ich nicht für den Winter, den ich doch nicht hier zubringen werde, ja überhaupt für alle Zukunft mein etablissment hier, freylich das einzige, welches ich noch be- sitze, auflösen und im Gasthause wohnen soll? So lösen sich nach und nach die Bande des lebens, und meine existenz wird unstäter und nomadischer, anstatt mit den Jahren fixirter zu werden. Das ist kein erfreulicher Gegen- stand des nachdenkens für mich.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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