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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 650 -
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Tagebücher650 [Wien] 20. mai meine augenblickliche lage und die erlebnisse dieser letzten 14 tage praeoccupiren mich sehr, so sehr, daß sie keinen andern gedanken neben sich aufkommen lassen. diese lage complicirt sich immer mehr, der kaiser hat mir die verlangte Audienz abgeschlagen, ohne für diesen höchst auffal- lenden schritt, ebenso wie für die vorhergegangenen, einen grund anzu- geben. ich muß also erwarten, daß jene heilige vehme, welche im oberst- kämmereramte sitzt, über mich, und höchst wahrscheinlich gegen mich, entscheiden wird, ohne daß ich dazu käme, mich zu rechtfertigen. Wenn dieses geschieht, so ist nicht nur jede Aussicht, im inlande zu einer ämtli- chen (worauf ich ohnehin schon lange verzichtet habe) oder außerämtlichen thätigkeit zu gelangen, verschwunden, sondern dieser eclatante Akt der ungnade wird mich selbst über die grenzen hinaus verfolgen. Aber mich praeoccupirt selbst diese idee des materiellen schadens noch weit weniger als das empörende gefühl des unrechtes und die bittere erinnerung an Al- les, was ich in den Jahren 1848 und 49 für das vaterland, den thron und die gute sache, wahrhaftig nicht spielend, sondern unter kampf, Aufopferung und sorgen, und oft mit glänzendem erfolge [getan], und welches mir nun so vergolten wird, während leute, welche damals hinter den kitteln ihrer Weiber steckten oder zweydeutige rollen spielten, sich jetzt breit machen und glänzen, und jeder lieutenant sagen darf, er habe die monarchie geret- tet. meine erziehung ist vollendet, vielleicht mußte das deßhalb so kommen. Aber so passiv werde ich die sache dennoch nicht hinnehmen, reden oder schreiben will ich zu guter letzt, pour en avoir le cœur net, und um nicht wie ein hasenfuß unterzuducken, wie und gegen wen, bin ich noch nicht ganz im klaren. erzherzog Albrecht, den ich durch gabrielle um eine un- terredung bitten ließ, wurde blaß und verlegen, als er meinen namen hörte (das ist doch ein jämmerliches menschenpack), sagte nicht ja, nicht nein, und lief davon, es kömmt also vielleicht noch dazu, und das wäre mir aller- dings das liebste, weil er doch honett genug ist, um, was ich ihm sage, dem kaiser zu wiederholen. übrigens bin ich fest entschlossen, daß sich meine existenz jetzt entscheiden müsse, ich habe lange genug mit Zusehen und Abwarten hingebracht, dreht sich die sache hier nicht total um, was ganz unwahrscheinlich ist, so gehe ich fort und suche Beschäftigung und ein neues vaterland, bis das alte wieder in ein neues stadium tritt, es ist hart, sich mit bald 40 Jahren gezwungen zu sehen, vom Anfange anzufangen und sich erst um einen Bauplatz umsehen zu müssen. übrigens war mein leben bisher ein beständiges campiren, eine geistige nomadenexistenz, immer wartend und hoffend, und dazu scheine ich auch für die Zukunft praedesti- nirt, es liegt in meinem charakter, ich glaubte und glaube wohl noch ein messias zu seyn, bis jetzt aber war ich bloß ein vorläufer.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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