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terregen, überhaupt ein sehr feuchtes frühjahr, welches schlechte Aussich-
ten für die ernte gibt, besonders in ungarn, wo ein großer theil des landes
unter Wasser steht.
die stadt ist bereits stark geleert, der hof in schönbrunn. gabrielle war
ein paar tage herin, erzherzogin hildegarde wollte nach szathmar, wo ihr
gemahl an den flecken krank liegt, erhielt aber in Preßburg eine telegra-
phische depesche, worin er sie bath, um gotteswillen umzukehren. kaise-
rinn marianne ist hier durch nach italien, der könig von Bayern kömmt
am 13. und wird wahrscheinlich nicht besonders empfangen werden, on lui
reproche des manques de procédé, sodann will der kaiser nach croatien
reisen.
ich lebe sehr ruhig, um nicht zu sagen langweilig, mache des morgens
eine Promenade, frühstücke im freyen und sehe nicht viele leute, neulich
war ich auf ein paar stunden in der Brühl und besuchte henriette todesco.
in meiner Angelegenheit ist nichts geschehen und wird auch nichts ge-
schehen, obwohl ich wiederholt versichert worden bin, daß jene diplomati-
schen Actenstücke, welche der kaiser sich hat vorlegen lassen, von der Art
sind, daß sie selbst auf den befangensten leser einen außerordentlichen
eindruck machen müssen. Aber ein unrecht eingestehen oder gar es gut-
machen, wäre ja nicht energisch.
unter diesen umständen richten sich meine Blicke immer mehr nach
auswärts, obwohl ich die schwierigkeiten nicht verkenne, welche sich dem
entgegensetzen, ich will darüber mit gustav lerchenfeld und wo möglich
mit stockmar mich besprechen und vielleicht meinen Weg dahin über
carlsbad nehmen, wo mich lenchen und clementine1 erwarten. Bruck und
der orient stehen in zweyter linie, ersterer ist endlich von triest abgereist,
welches auch auf eine friedliche lösung der türkischen Angelegenheit deu-
tet.
in dieser ist jetzt ein momentaner stillstand eingetreten. menzikoff hat
von odessa den jungen nesselrode mit depeschen hieher, nach Paris und
london geschickt und ist nach Petersburg abgereist, es ist ein totaler fi-
asko, welchen ich den russen von herzen gönne, sie meinten to bully the
turks, und da ihnen das mißlang, so geben sie jetzt klein bey, das ende
wird wohl seyn, daß eine Art vormundschaftsconseil der großmächte ein-
gesetzt wird und alle diese Leiningiaden, Menzikoffiaden etc. aufhören.
den ganzen spectakel aber verdanken wir den intriguen der franzosen,
lavalettes und seines sauberen kaisers, welcher für sein leben gern den
großen kaiser spielen möchte, aber ohne gefahr und risico, dem aber die
eselsohren überall unter der löwenhaut hervorgucken.
1 frau und tochter seines cousins frh. eduard v. Andrian-Werburg.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien