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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
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65717. Juni 1853 Ich habe so eben eine Broschüre gelesen, welche Prof. Zöpfl in Heidel- berg zur Beantwortung der vielbesprochenen (und meiner Ansicht nach ziemlich unbedeutenden) gervinus’schen einleitung zur geschichte des 19. Jahrhunderts geschrieben hat,1 es ist sehr viel Prägnantes und richtiges darin. Aber das eigentliche punctum saliens, der Pivot, um den sich Alles dreht, haben beyde gegner und mit ihnen zu meiner täglich wachsenden verwunderung alle staatsrechtslehrer und Philosophen unserer Zeit über- sehen, und dieses ist: den Absolutismus der staatsideen, die omnipotenz des staates, dieses ist der krebsschaden des continents, die Quelle aller unserer übel, der hauptunterschied zwischen uns einer- und england und Amerika andererseits. diese theorie (und in der folge natürlich die Praxis) muß angegriffen, muß umgeworfen werden, und die idee und der Zweck des staates auf seine wahren grenzen beschränkt. da liegt der knoten. Alles Andere ist lappalie dagegen. die sache ist doch so klar, so einfach, so brutal thatsächlich, daß ein Jeder 20mahl im tage sich die nase daran ein- stößt, und doch haben sie die gelehrten herren Alle bis dato übersehen, und doch muß von ihnen die Bewegung ausgehen, zuerst muß die neue, gesunde staatstheorie zu geltung gekommen seyn, ehe man an ihre verwirklichung denken kann. überhaupt, so paradox es klingen mag, geschichte machen die männer der Wissenschaft, die vielgeschmähten Professoren, die napo- leons und comp. sind nur ihre handlanger. [Wien] 17. Juni es ist ein merkwürdig feuchter und kühler sommer, beynahe jeden tag ge- witterregen, mitunter kühl bis auf 10–12° r., und es war bisher kaum noch einen halben tag recht warm, nur der medardustag, sonst ein wichtiger losungstag, war schön und warm, daher schlechte Aussichten auf ernte und Weinlese, dagegen ein sehr günstiges heujahr. man hört von nichts als ausgetretenen Wässern und verdorbenen straßen. der könig von Bayern, für den man nicht viel umstände gemacht hat, reist morgen ab. die reise des kaisers nach croatien ist verschoben, wahr- scheinlich der orientalischen Angelegenheiten wegen. neulich wurde franz stadion begraben, nach langem geistigen und kör- perlichen siechthum, ich war bey seiner leiche und sah da das ganze mini- ster- und sonstige gesindel sich breit machen, vor Allen Andern Bach, wel- chem der gemeine strich aus dem gesichte sieht, es war eine entheiligung des großen todten, daß solche Bagage um seinen sarg stand. der lloyd, i.e. 1 Heinrich Zoepfl, Die Demokratie in Deutschland. Ein Beitrag zur wissenschaftlichen Wür- digung von: g.g. gervinus, einleitung in die geschichte des neunzehnten Jahrhunderts (stuttgart 1853).
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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