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Tagebücher666
Zeit eduard beynahe fortwährend unwohl und zu Bette war, fieber und
einmahl eine plötzliche ohnmacht hatte, worüber lenchen ihre nervenzu-
stände bekam, welche beynahe 24 stunden dauerten, also ein beständiges
spital, so viel sah ich, daß eduard immer mehr ein gutmüthiger Ansbacher
spießbürger wird, daß lenchen trotz aller ihrer gutmüthigkeit und ihres
verstandes nicht alt werden kann, und daß clementine unter allen diesen
menschen und dingen herumsteigt comme une reine incomprise, die sich
aber selbst ebenso wenig versteht, sich die Welt als dazu vorhanden vor-
stellt, um recht viele Bälle und soirées zu produciren, dabey an gar auf der
Welt nichts ein interesse nimmt, folglich wenig geist und, wie ich fürchte,
auch wenig herz hat. übrigens mögen sie sich da heraus wickeln, pour moi
je n’ai qu’y faire.
ich fuhr also am 24. mittags von Ansbach ab, war um 3 in gunzenhausen
und fuhr nach einer halben stunde bey einer wirklich drückenden hitze
auf der eisenbahn weiter, ich fühlte mich nichts weniger als wohl. Auf dem
Bahnhofe in münchen, wo ich gegen 1/2 10 Abends anlangte, erwartete
mich gustav lerchenfeld, mit welchem ich eigentlich auf heute den 26. ein
rendezvous hier in salzburg verabredet hatte. das schlechte Wetter in den
Bergen (während wir seit beynahe 3 Wochen keinen regen gehabt haben)
und die nothwendigkeit, ein seebad zu gebrauchen, hatten ihn bestimmt,
seinen Aufenthalt in den Bergen abzukürzen und mir bis münchen entge-
genzugehen, wo er mich seit 2 tagen erwartete. ich war aber an demselben
tage zu erschöpft, um noch zu seinen damen zu kommen, und so begleitete
er mich nur bis zu meinem hôtel, dem goldenen hirschen.
tages darauf, den 25. um 9 uhr, als ich eben mit meinem frühstücke fer-
tig war, kam er, und wir hatten da eine lange, mehrstündige unterredung,
worin ich ihm Alles sagte, was ich ihm sagen wollte und was eigentlich
der Zweck dieser meiner, sonst so unglücklich ausgefallenen, reise war,
sowohl über die Zustände im Allgemeinen als über meine specielle stel-
lung, endlich über meinen entschluß.1 direct kann er, wie ich wohl wußte,
nichts dafür thun, aber mein Zweck ist erreicht, indem ich ihm, der terrain
und Personen in einer gewissen richtung besser kennt als ich, die sache
zum nachdenken und überlegen übergeben habe. An ein vergessen oder
leichthinnehmen ist bey ihm nicht zu denken. leider kennt er stockmar
nicht, und konnte ich diesen, der in england ist, nicht sehen, kömmt Zeit
kömmt rath, er ist der andere meiner beyden piliers in dieser sache, und
ich vertraue mehr in das können dieses letzteren, so wie in das Wollen des
ersteren.
1 Andrians Plan, angesichts der fehlenden Perspektiven in österreich nach deutschland zu
übersiedeln; vgl. Einträge v. 20.5. und 7.6.1853.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien