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terung und größe der geschwulst schon zu bedeutend sey (freylich hat
diese stupide landreise von münchen bis linz viel verschlimmert), doch
gebraucht er ähnliche mittel als nachhülfe und vornehmlich gegen die cor-
respondirenden drüsen der linken seite, wo sich sympathetisch eine ganz
ähnliche entzündung zu bilden begann. für die eitergeschwulst muß ich
wieder, wie in franzensbad, umschläge von leinsaamenmehl brauchen. im
ganzen scheint mir die sache gut und rasch vorwärts zu gehen, wie lange
sie noch dauern wird? nescio. es wäre auch Alles ganz gut, wenn nicht die
fürchterlichen Blähungen und schmerzen im unterleibe wären, welche mir
fast jede Bewegung unmöglich machen, das Athemholen erschweren, das
essen und trinken verbittern und oft den schlaf ganz rauben. Bis gestern
wollte Wurm davon keine notiz nehmen und sagte, das sey nebensache
und werde von selbst vergehen, endlich gestern gab er mir etwas, was be-
deutende linderung gewährte, und für heute ist das völlige Aufhören jener
schmerzen versprochen.
gesellschaft habe ich natürlich in dieser saison wenig. carl reischach,
franz st. Julien, coronini, das waren bisher so ziemlich die einzigen Besu-
che außer meinen beyden schwestern, von denen flore vom 30. nachmittag
bis zum 1. mittags und gabrielle vom 1. nachmittag bis 2. Abends hier und
fast immer bey mir waren. heute nachmittag kömmt flore wieder. Abends
gehe ich, wenn ich halbwegs kann, ins casino hinab, cela me coupe la jour-
née!
ich bin nun seit länger als einem monathe krank, zu hause, daher meist
allein und mit wenigen Ausnahmen auf mich selbst und meinen eigenen
umgang beschränkt. das Alleinseyn hat bey mir, der ich es ja fast immer
bin, weniger zu bedeuten, desto mehr das ungewohnte zuhause Bleiben und
die ebenso ungewohnte idee des krankseyns, die einen, wenn auch jede
gefahr noch so ferne liegt, dennoch ernst stimmt und an das endliche ende
erinnert. Dazu die Lage, in der ich mich eben jetzt befinde, das Bevorste-
hen eines Wendepunctes in meinem leben in dieser oder einer anderen
richtung, welches Alles im großen wie im kleinen auf mich hereindrängt.
das und noch manches Andere dazu stimmt mich zum nachdenken über
manchen bisher noch ziemlich unerörterten Punct, u.a. darüber, ob man
denn das Bild, das man seinen nachkommen, der geschichte, überlassen
soll, so ganz und gar dem Zufalle anheimstelle, dessen treue und Ausfüh-
rung? nach dem, was die gegenwart hierin mir gegenüber geleistet, hätte
ich in dem falle wenig gutes zu gewärtigen. schmerling engagirte mich
einmahl, eine geschichte meiner mission nach england 1848–9 zu schrei-
ben, auch an eine selbstbiographie habe ich schon öfters gedacht, sogar vor
vielen Jahren einmal eine solche begonnen. Jedoch taugt das Alles nicht für
mich, zu einer größeren litterarischen Arbeit, welche anhaltenden fleiß,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien