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die türkische frage ist so gut wie beygelegt. der vermittlungsvorschlag,
welcher von hier aus unter Zustimmung der englischen und französischen
regierung gemacht worden ist, ist russischerseits angenommen worden,
die Pforte wird nun wohl auch nichts anderes thun können. über den in-
halt jenes vorschlages verlautet nichts Bestimmtes,1 ich erwarte nichts.
hier scheint wieder die ganz einfache Politik der leidenschaft (nämlich
der furcht) die oberhand gewonnen zu haben, welche einen Augenblick,
als man über rußlands insolentes Auftreten stutzig wurde, in den hinter-
grund getreten war, und man raisonnirt rührend naiv: die engländer hal-
ten es mit den türken, die flüchtlinge machten einen Augenblick miene,
ihre dienste der Pforte anzubieten, also müssen wir durch dick und dünn
mit rußland gehen.
Baden 22. August
die letzten tage, die ich in Wien zubrachte, suchte ich, mir etwas mehr
Bewegung zu machen, doch ging das meiner großen schwäche wegen
schwer und langsam, mein erster versuch auszufahren bekam mir ziem-
lich schlecht, im ganzen jedoch ging die reconvalescenz sowohl was die
geschwülste, als was den unterleib betrifft, ziemlich rasch vorwärts, einen
Abend war ich mit flore in der leopoldstadt,2 um die Pepita tanzen zu
sehen, welche jetzt in dem dümmsten aller länder, in deutschland, daher
wie natürlich auch in Wien (dem Affen jener Affen) furore macht, mir aber
sehr mißfiel, am 16. hatte ich bey Munsch3 ein rendezvous mit egon und
resi hohenlohe, welche auf der durchreise nach venedig begriffen waren,
und die es mich sehr freute wieder zu sehen.
es scheint mein schicksal zu sein, daß im Augenblicke einer Abreise
stets in meinem Befinden eine wesentliche Verschlimmerung eintreten soll,
so auch dießmal, in der nacht vom 16. auf den 17. wurde ich plötzlich ohne
irgend eine mir bekannte ursache von der heftigsten diarrhée befallen, die
man sich denken kann, welche von 2 uhr morgens an durch mehr als 12
stunden fast ununterbrochen fortdauerte, dazu hatte ich übelkeiten, Ab-
scheu vor dem essen etc. nebstdem regnete und stürmte es wie im october,
das thermometer war auf 12–13° r., lauter gründe, um meine Abreise zu
verschieben, ich aber, der ich dergleichen hasse, ließ mich nicht abhalten,
sondern fuhr um 1/2 6 nachmittag auf die eisenbahn, wo ich zum glücke
1 Mit der sog. „Wiener Note“ v. 1.8.1853 versuchte Österreich im Konflikt zwischen Russland
und der türkei zu vermitteln, der schließlich nicht friedlich beigelegt wurde, sondern zum
krimkrieg führte.
2 das carltheater in der Praterstraße in Wien-leopoldstadt.
3 das hotel munsch am neuen markt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien